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Lernen von Angela Carey

Narzissten sagen nicht übermäßig „ich“

23. Dezember 2015

US-amerikanische und deutsche Forscher haben untersucht, ob Narzissten häufig „ich“, „mich“ oder „mein“ sagen. Ergebnis: Selbstsucht hing nicht mit dem Gebrauch von Pronomen der ersten Person Singular zusammen. Anders als landläufig vermutet, verwendeten Narzissten also nicht übermäßig Ich-Wörter.

Sagen Selbstverliebte häufig „ich“?

Alle Hefte im ÜberblickAngela Carey studiert Sozialpsychologie an der University of Arizona. Zusammen mit acht US-amerikanischen und deutschen Forschern hat sie im Journal of Personality and Social Psychology jetzt eine umfangreiche Untersuchung dazu vorgelegt, ob Narzissten häufig „ich“ sagen.

Jemand mit narzisstischer Neigung 1) denkt, großartig zu sein, 2) hat ein stark ausgeprägtes Selbstwertgefühl und 3) unrealistisch positive Überzeugungen von sich selbst. In Fragebögen, zum Beispiel im „Narcissistic Personality Inventory“, wird der Narzissmus über die Zustimmung zu Aussagen erfasst wie „Ich mag es, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen“ oder „Ich mag es, mich im Spiegel anzusehen“.

4.811 Teilnehmer überprüft

Da Selbstverliebte häufig um sich selbst kreisen, liegt es nahe anzunehmen, dass sie auch häufig „ich“, „mich“ oder „mein“ sagen. Diese Annahme überprüften die Forscher in 15 Einzelstudien mit insgesamt 4.811 deutsch- und englischsprachigen Teilnehmern, darunter viele Studenten.

Sie sollten sich in einem Video selbst beschreiben, sich einer Gruppe vorstellen, über ihre Eigenschaften oder ihr Leben schreiben, einen Steckbrief über sich selbst verfassen, aufschreiben, was ihnen gerade durch den Kopf ging, oder ihre Statusmeldungen auf Facebook wurden ausgewertet.

In diesen Sprech- oder Schreibproben wurde ausgezählt, wie häufig Ich darin als Subjekt („ich“), Objekt („mich“), Possessivpronomen („mein“) und insgesamt vorkam. Außerdem füllten alle Teilnehmer einen Narzissmusfragebogen aus.

Keinerlei Zusammenhang

Narzissmus und Ich-Gebrauch hingen nicht zusammen. Es gab jeweils einen Null-Zusammenhang zwischen dem Narzissmus und der Häufigkeit, Ich als Subjekt, Objekt oder Possessivpronomen zu gebrauchen. Auch der Gesamtwert aller drei Ich-Arten war nicht mit dem Narzissmus assoziiert.

Der Kontext spielte keine Rolle. Die Forscher schauten, ob es einen Unterschied machte, Ich für Aussagen zur Identität zu gebrauchen, es nur zu sich selbst zu sagen, ohne ausdrücklichen Selbstbezug einzusetzen, vor anderen zu erwähnen oder im täglichen Gedankenstrom zu verwenden. All diese Umgebungen spielten keine Rolle. Narzissmus und die Verwendung der Ich-Pronomen hingen nie nennenswert zusammen.

Es gab marginale Geschlechtsunterschiede. Bei Frauen gab es keinerlei Zusammenhang zwischen Selbstbezogenheit und Ich-Nutzung. Narzisstische Männer hingegen gebrauchten, vor allem wenn sie zu sich selbst sprachen, häufiger „ich“, „mich“ oder „mein“. Allerdings waren diese Zusammenhänge klein und praktisch nicht relevant.

Stetiger Nahe-Null-Effekt

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Narzissten sagen also nicht übermäßig „ich“. Die Autoren schlussfolgern: „Wir haben eine Untersuchung mit vielen Teilnehmern in vielen Situationen mittels vieler verschiedener Maße in zwei verschiedenen Sprachen durchgeführt, um das Ausmaß zu bestimmen, inwieweit Narzissmus in verschiedenen Kontexten mit dem Gebrauch von Pronomen in der ersten Person Singular zusammenhängt. Alles in allem zeigten unsere Auswertungen stets einen Nahe-Null-Effekt.“

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2015. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Angela L. Carey (University of Arizona), Melanie S. Brucks (Stanford University), Albrecht C. P. Küfner (University of Münster), Nicholas S. Holtzman (Georgia Southern University), Fenne große Deters (Free University of Berlin), Mitja D. Back (University of Münster), M. Brent Donnellan (Texas A & M University), James W. Pennebaker (University of Texas at Austin) & Matthias R. Mehl (University of Arizona). (2015). Narcissism and the Use of Personal Pronouns Revisited [Abstract]. Journal of Personality and Social Psychology, 109 (3), 1068-1089.

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