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Lernen von Brian Lucas

Wert des Weitermachens

18. Dezember 2015

Forscher aus Illinois haben herausgefunden, dass der Wert des Weitermachens bei kreativen Aufgaben größer ist als angenommen. In sieben Studien zeigte sich, dass die Teilnehmer in einer zweiten Weitermachen-Runde einfallsreicher waren, als sie dachten. Außerdem waren ihre Ideen im zweiten Durchgang objektiv besser als im ersten. Dranbleiben lohnt sich also, wenn Schöpfergeist gefragt ist.

Schätzen, weitermachen

Alle Hefte im ÜberblickBrian Lucas promoviert an der Northwestern University in Illinois. Zusammen mit Loran Nordgren hat er jetzt untersucht, wie Menschen bei kreativen Aufgaben durchhalten. Die Ergebnisse finden sich im Journal of Personality and Social Psychology.

Die Kreativitätsforscher führten sieben Studien nach folgendem Schema durch:

  1. Einstieg: Die Teilnehmer bearbeiteten mehrere Kreativitätsaufgaben für vier Minuten.
  2. Schätzung: Sie sollten eine Schätzung für ihre Leistung abgeben, wenn sie die Aufgaben für weitere vier Minuten bearbeiten würden.
  3. Weitermachen: Sie bearbeiteten die Aufgaben für weitere vier Minuten.
  4. Auswertung: Die Forscher berechneten, ob sich Schätzung (2) und Leistung in der Weitermachen-Phase (3) unterschieden. Außerdem wurde die Qualität der Leistung in der Weitermachen-Phase bestimmt.

Fantasie für einen Pappkarton

In der ersten Studie sollten die Teilnehmer kreative Möglichkeiten zum Essen und Trinken an Thanksgiving in den Computer eintippen. In der zweiten und fünften Studie wurden sie aufgefordert anzugeben, wie sich ein Pappkarton nutzen ließ, welche Werbeslogans ihnen für ein Fast-Food-Gericht einfielen und welche Wörter aus dem Anagramm „AENOPSR“ gebildet werden konnten (z.B. „SOAP“ oder „PEAR“).

Aufgaben der dritten und vierten Studie waren der originelle Einsatz von Erdnussbutter und Wörter herausfinden, die mit drei angegebenen verbunden waren (z.B. „Tisch“ für „Manieren, Gebet, Tennis“ – „Tischmanieren, Tischgebet, Tischtennis“). In der sechsten Studie sollten ausgebildete Comedians ein lustiges Ende für einen Sketch finden. Um kreative Spendensammlung einer Wohltätigkeitsorganisation ging es in der siebten Studie. Die Ergebnisse:

Kreativer als gedacht

Kreative Leistung beim Weitermachen wurde unterschätzt. Wenn die Teilnehmer nach der ersten Runde einschätzen sollten, wie viele kreative Lösungen sie in der zweiten Runde finden würden, unterschätzten sie durchgängig ihre tatsächliche Leistung in der Weitermachen-Phase. Beim Weitermachen fanden sie durchschnittlich fünf Thanksgiving-Ideen, vier Pappkarton-Nutzungen, sieben Anagrammlösungen, zwei Erdnussbutter-Ideen und ein lustiges Comedy-Ende mehr als gedacht. Die meisten glaubten also nicht, dass sie auch noch in einer zweiten Runde kreativ sein konnten, waren es aber sehr wohl.

Beim Weitermachen wurde die höchste Qualität erreicht. Außerdem zeigte sich in den einzelnen Studien, dass die Qualität der Ideen in der Weitermachen-Runde höher war als die der Einfälle in der Einstiegs-Runde. Die Qualität wurde dabei von unabhängigen Dritten und damit objektiv eingeschätzt.

Aufgeben wegen schwieriger Aufgaben

Die wahrgenommene Schwierigkeit erklärte die Unterschätzung. Warum glaubten so wenige an ihre kreative Leistung in der Weitermachen-Phase? Weil sie die Aufgaben schwierig fanden. Je höher die wahrgenommene Schwierigkeit der Aufgaben in der ersten Runde war, desto mehr unterschätzten die Teilnehmer ihren Einfallsreichtum in der zweiten Runde. In der siebten Studie resignierten so 46 Prozent aller Teilnehmer und waren nicht bereit, für eine zusätzliche Runde Ideenfindung einen oder sechs Cents zu „investieren“. Alternative Erklärungen der Unterschätzung wie aktivierte Leistungsziele oder Erfahrungen mit der Aufgabe konnten die Forscher ausschließen.

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Weitermachen lohnt sich also bei kreativen Aufgaben. In einer zweiten Runde waren alle Teilnehmer besser als sie dachten und die Qualität ihrer Einfälle war höher als in der ersten Runde. Die Forscher schreiben (S. 241):

„Wir haben herausgefunden, dass Menschen durchweg den Wert des Weitermachens bei kreativen Aufgaben unterschätzten und dass die wahrgenommene Schwierigkeit der Aufgaben diesen Effekt erklärt. Wer seine Überzeugung vom Wert des Weitermachens ändert, könnte damit seine Kreativität fördern, indem er nicht zu rasch aufgibt und seine besten Ideen nicht länger unentdeckt lässt.“

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2015. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Brian J. Lucas and Loran F. Nordgren (Northwestern University). (2015). People Underestimate the Value of Persistence for Creative Performance [Abstract]. Journal of Personality and Social Psychology, 109 (2), 232-243.

Hier geht’s zum Themenschwerpunkt „Umgang mit Umbrüchen“, in dem es um Veränderungen, Wandlungskompetenz, Mitarbeiterführung, Willensstärke, Unternehmenskultur und Karrierewechsel geht.

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