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Lernen von Vera Hoorens

Vorliebe für „mehr als“

3. November 2015

Vergleiche mit „mehr als“ werden häufiger gebraucht, mehr gemocht und für wahrer befunden als solche mit „weniger als“. Das ist das Ergebnis von neun Studien unter Belgiern und Deutschen. Mehr-als-Aussagen sollten daher bei benachteiligten Gruppen behutsamer eingesetzt werden. Weniger-als-Vergleiche könnten die Werbewirkung beeinträchtigen.

Zugänglicher, sympathischer

Alle Hefte im ÜberblickVera Hoorens lehrt Sozialpsychologie an der belgischen Universität Leuven. Zusammen mit Susanne Bruckmüller von der Universität Koblenz-Landau hat sie jetzt untersucht, ob vergleichende Aussagen voreingenommen machen. Die Ergebnisse dazu brachte die Online-First-Ausgabe des Journal of Personality and Social Psychology.

Die Forscherinnen nahmen an, dass Vergleiche mit „mehr als“ gegenüber solchen mit „weniger als“ bevorzugt werden sollten. Der Grund: Mehr-als-Ausdrücke lenkten die Aufmerksamkeit direkt auf das Auffällige, seien leichter zu verarbeiten und würden dadurch mehr gemocht. Die Aussage „Frauen haben mehr Humor als Männer“ sollte demnach mehr Befürworter finden als „Männer haben weniger Humor als Frauen“, obwohl beide exakt den gleichen Sachverhalt ausdrücken.

Um die Annahme zu überprüfen, führten die Psychologinnen neun (Teil-)Studien mit insgesamt 1.620 belgischen und deutschen Teilnehmern durch. Sie sollten selbst Unterschiede formulieren oder diese einschätzen. Die Vergleiche bezogen sich aufs Geschlecht oder Alter, waren aber vielfach unüblich, also nicht stereotyp abgefasst.

Unleugbarer Hang

„Mehr als“ wurde häufiger gebraucht. In der ersten Studie sollten 174 deutsche Teilnehmer aufschreiben, wie sich Frauen und Männer unterscheiden. Egal, ob es sich um eher gute oder schlechte Eigenschaften handelte, 83 Prozent aller Unterschiede waren mit „mehr als“ statt mit „weniger als“ formuliert. In der zweiten Studie verglichen 232 Belgier sich selbst mit einem Freund oder zwei Freunde miteinander anhand einer Liste von zehn Eigenschaften. Auch hier wurden Unterschiede viel häufiger, nämlich zu 76 Prozent, mit „mehr als“ notiert als mit „weniger als“.

„Mehr als“ wurde besser bewertet. In der dritten Studie fanden 100 belgische Studenten einen Zeitungsartikel über Altersunterschiede „klarer“, „interessanter“ und „vertrauenswürdiger“, wenn Mehr-als- statt Weniger-als-Wendungen darin vorkamen (z.B. „Mehr ältere als jüngere Mitarbeiter finden es wichtiger, gegenüber dem Arbeitgeber loyal zu sein.“). Die vierte Studie zeigte, dass 205 Studenten in 70 Prozent aller Fälle einen Artikel über (fiktive) Allergie-Medikamente besser bewerteten, wenn die Vergleiche darin auf „mehr als“ lauteten („Xylon wirkt mehr als Medovan gegen tränende Augen.“).

Wahrheitswörter

„Mehr als“ wurde eher zugestimmt. 320 belgische Studenten der fünften und 60 Teilnehmer der sechsten Studie stimmten Unterschieden zwischen Frauen und Männern eher zu, wenn sie mit „mehr als“ formuliert waren. Weitere 320 Studenten aus Belgien waren in der siebten Studie eher von Mehr-als-Vergleichen über Ältere und Jüngere überzeugt. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Vergleiche positiv, negativ, stereotyp oder unkonventionell formuliert waren. Immer fand die Mehr-als-Fügung mehr Zustimmung.

„Mehr als“ wirkte wahrer. 79 deutsche Bahnreisende sollten in der achten Studie Aussagen zu Geschlechtsunterschieden auf ihren Wahrheitsgehalt hin einschätzen. Es wurden nur Aussagen verwendet, für die ein Marktforschungsinstitut keine Unterschiede finden konnten und die damit keine Stereotype widerspiegelten, z.B. „Mehr Männer als Frauen haben Fische als Haustiere“ oder „Weniger Frauen als Männer gehen häufig ins Kino“. Ergebnis: Mehr-als-Aussagen wurden häufiger für wahr gehalten als Vergleiche mit „weniger als“.

Warnung schwächte Effekt ab. In der neunten Studie mit 130 Belgiern zeigte sich, dass folgende Warnung den Mehr-als-Effekt abschwächte: „Manche Aussagen sind etwas seltsam formuliert oder schwer zu beantworten. Versuchen Sie es trotzdem.“ Wer das las, stimmte Weniger-als-Vergleichen zu Geschlechtsunterschieden eher zu. Die Warnung schwächte den Effekt ab, beseitigte ihn aber nicht ganz.

Weniger als mehr

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Mit „mehr als“ ausgedrückte Vergleiche wurden also mehr bevorzugt und für wahrer befunden als solche mit „weniger als“. Oder natürlich andersherum: Weniger-als-Vergleiche kamen weniger gut an als Mehr-als-Wendungen. Die Forscherinnen zählen auf, wo sich ihre Ergebnisse anwenden ließen:

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2015. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Vera Hoorens (University of Leuven) & Susanne Bruckmüller (University of Koblenz-Landau). (2015). Less Is More? Think Again! A Cognitive Fluency-Based More–Less Asymmetry in Comparative Communication [Abstract]. Journal of Personality and Social Psychology, Online First Publication.

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