Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Neues eDossier: Stress bewältigen
Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management Neues eDossier: Stress bewältigen Wirtschaftspsychologie aktuell

Lernen von Renate Rau

Krank machende Arbeitsbelastungen

25. September 2015

In einer neuen Übersichtsarbeit stellten sich acht psychische Arbeitsbelastungen als Risikofaktoren für Depressionen, Angststörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Typ-2-Diabetes heraus: Arbeitsintensität, Aufwand-Belohnungs-Missverhältnis, Überstunden, Nachtschichten, wenig Unterstützung, Aggressionen von Kollegen, Rollenstress und Arbeitsplatzunsicherheit.

54 Übersichtsstudien gelesen

Alle Hefte im ÜberblickRenate Rau, die den Lehrstuhl für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Halle innehat, und Dajana Buyken haben bisherige Übersichtsstudien zu psychischen Arbeitsbelastungen und Erkrankungsrisiken ausgewertet. Ihre Ergebnisse finden sich in der neuen Ausgabe der Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie.

Die Forscherinnen fanden insgesamt 54 Metaanalysen (in denen die Ergebnisse der Einzelstudien statistisch zusammengefasst und mittlere Effektgrößen berechnet wurden) oder systematische Reviews (in denen die Ergebnisse der Einzelstudien ausgezählt wurden), die zwischen 1966 und 2014 veröffentlicht wurden. Darin wurden jeweils psychisch belastende Arbeitsbedingungen ins Verhältnis zu den häufigsten Stresserkrankungen gesetzt: Depression, Angststörung, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes. Für folgende acht Arbeitsbelastungen wurde ein erhöhtes Erkrankungsrisiko festgestellt.

Depressiv machende Arbeitsintensität

Hohe Arbeitsintensität, wenig Handlungsspielraum. Hohe Arbeitsintensität bedeutet, viele Aufgaben zu haben oder unter Zeitdruck zu arbeiten. Bei wenig Handlungsspielraum kann der Mitarbeiter nur begrenzt entscheiden, was er tut. Sowohl einzeln als auch in Kombination stellen hohe Arbeitsintensität und wenig Handlungsspielraum ein Risiko für Depressionen, Angst- und Panikstörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen dar. Die Datenbasis dafür bewerten die Autorinnen mit der höchsten Stufe „guter Nachweis“.

Hoher Aufwand, geringe Gegenleistung. Entsprechend dem Effort-Reward-Modell sollte ein Missverhältnis zwischen hohem Aufwand (hohe Anforderungen, viel Verantwortung, Zeitdruck) und geringer Gegenleistung (geringer Lohn, wenig Anerkennung) krank machen. Genau das zeigen die Übersichtsstudien. Hoher Aufwand bei mangelnder Gegenleistung führt zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen und allgemeinen psychischen Beeinträchtigungen. Die Autorinnen vergeben dafür die zweithöchste Evidenzstufe „ausreichender Nachweis“. Das Erkrankungsrisiko steigt nur in Kombination von Aufwand und magerer Belohnung. Für sich genommen scheinen beide Faktoren nicht krank zu machen.

Überstunden. Überstunden führen langfristig zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie in Längsschnittstudien nachgewiesen wurde. Die Datenlage ergibt dafür einen „ausreichenden Nachweis“. Überstunden scheinen auch mit allgemeinen psychischen Beeinträchtigungen einherzugehen.

Schichtarbeit. Schichtarbeit führt mit „ausreichendem Nachweis“ zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Außerdem gibt es „starke Hinweise“ (vierthöchste Evidenzstufe) dafür, dass Schichtarbeit das Risiko erhöht, einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln. Das Arbeitsunfähigkeitsrisiko wird nur durch Abend- oder Nachtschichten erhöht. Rotierende Schichten oder unterschiedlich lange Schichten beeinflussen die Arbeitsfähigkeit nicht.

Psychisch belastende Aggressionen und Rollenkonflikte

Wenig soziale Unterstützung. Wenn Mitarbeiter nur wenig vom Chef oder den Kollegen unterstützt werden, werden sie eher depressiv oder fühlen sich allgemein psychisch beeinträchtigt. Dafür gibt es „ausreichende Nachweise“.

Aggressives Verhalten. Aggressionen, Bullying, sexuelle Übergriffe oder Mobbing gegenüber Kollegen führen zu Depressionen und Angststörungen beim Opfer – dies mit höchster Belegstufe „guter Nachweis“.

Rollenstress. Rollenunklarheit, Rollenüberforderung und Rollenkonflikt hängen bei „gutem Nachweis“ mit Depressionen und Angststörungen zusammen.

Arbeitsplatzunsicherheit. Diese geht mit erhöhtem Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen einher – mit höchster Evidenzstufe „guter Nachweis“.

Keine Gesundheitsrisiken stellen eintönige Tätigkeiten, geistig anspruchsvolle Arbeit oder zwischenmenschlicher Stress dar. Emotionsarbeit – gewünschte Gefühle zeigen müssen – ist nur dann riskant, wenn andere Emotionen gezeigt als empfunden werden (Surface Acting). Ändert man seine Gefühle grundlegend (Deep Acting), ist Emotionsarbeit kein Gesundheitsrisiko.

Belastung nicht per se negativ

Geprüfte Fachinfos
in zwei neuen Ausgaben der Zeitschrift lesen –
mit 30% Preisvorteil.
Hier mehr erfahren.

Insgesamt sind also acht psychisch Arbeitsbelastungen als krank machend einzustufen: hohe Arbeitsintensität, Missverhältnis von Aufwand und Belohnung, Überstunden, Nachtschichten, wenig Unterstützung, Aggressionen von Kollegen, Rollenstress und Arbeitsplatzunsicherheit. Die Forscherinnen betonen, dass die ersten fünf nicht per se negativ sind, sondern erst in ihrer hohen Ausprägung oder im Verbund mit anderen Variablen die Gesundheit beeinträchtigen. Sie fassen zusammen (S. 126):

„Ein vordringliches Ziel ist daher, Arbeit so zu gestalten, dass die genannten gefährdenden Konstellationen von Arbeitsbelastungen nicht bzw. nicht mehr bestehen. Unsere Übersichtsarbeit kann eine Planungshilfe bei der Auswahl von psychischen Belastungen sein, die auf jeden Fall in einer Gefährdungsbeurteilung berücksichtigt werden sollen.“

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2015. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Renate Rau & Dajana Buyken (2015). Der aktuelle Kenntnisstand über Erkrankungsrisiken durch psychische Arbeitsbelastungen: Ein systematisches Review über Metaanalysen und Reviews [Abstract]. Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie, 59 (3), 113-129.

Im Berichtsjahr 2013 haben sich die Krankentage aufgrund psychischer Störungen gegenüber 2003 mehr als verdoppelt.

Ständig steigende Zielvorgaben führen zu selbstgefährdendem Verhalten verleiten, erschöpfen und machen krank.

Im Schwerpunkt „Kontakt und Beziehung“ werden neue Ergebnisse zu folgenden Themen vorgestellt: emotionale Intelligenz, Mitarbeitergespräche, High-Quality Connections, Candidate Experience Management, narratives Management, Angst am Arbeitsplatz und Coaching-Weiterbildungen.

Die Wirtschaftspsychologie aktuell im Schnupper-Abo testen.

Den monatlichen Newsletter der Zeitschrift bestellen.

Im Archiv ab 2001 blättern.