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Lernen von Christopher Boyce

Arbeitslosigkeit verändert die Persönlichkeit

28. August 2015

Eine neue Analyse schottischer Forscher zeigt, dass Arbeitslosigkeit die Persönlichkeit deutlich verändert. Je länger jemand erwerbslos ist, desto unangepasster, nachlässiger und unkreativer wird er. Die Daten stammen von über 6.700 befragten Deutschen.

Besorgt oder gesellig?

Alle Hefte im ÜberblickVerändert Arbeitslosigkeit die zentralen Eigenschaften einer Person? Diese Frage haben jetzt Christopher Boyce, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der schottischen Universität Stirling, und seine Forscherkollegen geprüft. Ihre Ergebnisse finden sich im Journal of Applied Psychology.

Persönlichkeit definieren sie als die Art, wie „man typischerweise fühlt, denkt und sich verhält – der beständige Teil von einem selbst“ (S. 992). Erfasst wird sie entlang der relativ überdauernden fünf Eigenschaften Neurotizismus (sorgenvolles Denken), Extraversion (Geselligkeit), Offenheit für neue Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit.

6.769 Deutsche antworteten

Für ihre Studie werteten die Forscher Daten von 6.769 Deutschen aus, die zwischen 2005 und 2009 an den jährlichen Befragungen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) teilnahmen und während dieser Zeit arbeitslos wurden oder beschäftigt blieben. Dabei sollten sie ihre Eigenschaften einschätzen, beispielsweise:

Außerdem wurden Beschäftigungsstatus (arbeitend, arbeitslos, wiederbeschäftigt), Berufsabschluss, Geschlecht und Alter erfasst. Die Forscher versuchten dann, die Entwicklung der Persönlichkeitseigenschaften währende der vier Untersuchungsjahre in den Gruppen der Arbeitslosen und der Beschäftigten nachzuzeichnen.

Arbeitslose wurden kratzbürstiger, nachlässiger, unkreativer

Hinsichtlich Neurotizismus und Extraversion unterschieden sich Arbeitslose und Beschäftigte nicht. Deutliche Unterschiede zwischen ihnen – und auch zwischen den Geschlechtern – gab es bei der Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Offenheit.

Arbeitslose Frauen wurden unverträglicher, Männer zunächst verträglicher. (1) Frauen. Erwerbslose Frauen wurden über die vier betrachteten Jahre hinweg immer unverträglicher verglichen mit der Gruppe der durchgehend Beschäftigten. (2) Männer. Im zweiten und dritten Jahr ihrer Arbeitslosigkeit wurden sie angepasster und friedliebender. Im vierten Jahr kehrte sich diese Entwicklung um. Die arbeitslosen Männer wurden dann kratzbürstiger als die Beschäftigten. Unterm Strich galt für Frauen und Männer: Je länger arbeitslos, desto unverträglicher.

Die Gewissenhaftigkeit arbeitsloser Frauen schwankte, Männer wurden stetig nachlässiger. (1) Frauen. Im ersten Jahr ihrer Arbeitslosigkeit wurden sie gewissenhafter als arbeitende Frauen. Im zweiten und dritten Arbeitslosigkeitsjahr wurden sie jedoch deutlich nachlässig und gleichgültig. Im vierten Jahr ihrer Arbeitslosigkeit nahm die Gewissenhaftigkeit wieder etwas zu. (2) Männer. Erwerbslose Männer wurden über die gesamten vier Jahre hinweg immer nachlässiger und achtloser. Insgesamt galt für beide Geschlechter: Je länger arbeitslos, desto weniger gewissenhaft.

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Frauen waren im dritten Jahr, Männer im vierten Jahr ihrer Arbeitslosigkeit am wenigsten aufgeschlossen. (1) Frauen. Die Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Ideen nahm im ersten, zweiten und dritten Jahr ihrer Arbeitslosigkeit rapide ab. Im vierten Jahr ohne Tätigkeit erholte sich der Mittelwert leicht, lag aber immer noch deutlich unter dem der beschäftigten Frauen. (2) Männer. Die Offenheit arbeitsloser Männer nahm fast stetig über den Vier-Jahres-Zeitraum hinweg ab. Einen leichten Aufschwung gab es im zweiten Jahr der Arbeitslosigkeit. Generell ließ sich feststellen: Je länger arbeitslos, desto weniger offen und kreativ.

Keine Stigmatisierung

Erwerbslose wurden also immer unangepasster, pflichtvergessener und phantasieärmer, je länger sie arbeitslos waren. Die Forscher dazu (S. 1004):

„Obwohl wir vorsichtig sind, große Schlussfolgerungen anhand kleiner Stichproben zu ziehen, ist die gefundene Wirkung der Arbeitslosigkeit auf die Persönlichkeit vergleichsweise groß.“

Ihre Wirkung auf Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Offenheit war doppelt so groß wie die aufs Wohlbefinden – die Größe, die sich bei Arbeitslosigkeit am deutlichsten in negative Richtung verändert, so die bisherige Forschung.

Die Forscher warnen vor einer Stigmatisierung Arbeitsloser. Die Studie zeigt eindeutig, dass die Arbeitslosigkeit es ist, die jemanden nachlässiger und mutloser macht. Menschen, die arbeitslos werden, und die, die in Lohn und Brot bleiben, unterscheiden sich grundsätzlich nicht voneinander.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2015. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Christopher J. Boyce and Alex M. Wood (University of Stirling and University of Manchester), Michael Daly (University of Stirling) & Constantine Sedikides (University of Southampton). (2015). Personality Change Following Unemployment [Abstract]. Journal of Applied Psychology, 100 (4), 991-1011.

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