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Lernen von Tiziana Casciaro

Netzwerker fühlen sich schmutzig

23. März 2015

Wer berufliche Kontakte knüpft, fühlt sich häufiger schmutzig, sehnt sich nach Duschgel und möchte sich waschen. Das ist das Ergebnis einer Experimentalreihe nordamerikanischer Wissenschaftlerinnen. Eine hohe Position im Unternehmen geht mit weniger Verschmutzungserleben einher, wie sich bei Rechtsanwälten zeigte.

Schuld und Schmutz

Alle Hefte im ÜberblickTiziana Casciaro lehrt Verhalten in Unternehmen an der Universität Toronto. Zusammen mit Francesca Gino und Maryam Kouchaki hat sie gerade untersucht, ob man sich nach beruflichem Netzwerken schmutzig fühlt. In der Fachzeitschrift Administrative Science Quarterly stehen die Ergebnisse.

Warum sollte man sich schmutzig fühlen, wenn man berufliche Kontakte knüpft? Weil dadurch keine ausgewogenen Beziehungen angestrebt werden, sondern man andere dafür benutzt, um eigene Ziele zu erreichen. Dadurch entstehen Schuldgefühle. Diese gehen – wie sich in anderen Untersuchungen gezeigt hat – damit einher, dass man sich befleckt sieht und sich waschen will. Trifft das auch fürs Netzwerken zu?

Wunsch nach Reinigung

Um diese Frage zu beantworten, führten die Forscherinnen vier Experimente durch. Im ersten sollten 306 Freiberufler nach erinnerten Netzwerkerfahrungen sauberkeitsbezogene Wörter ergänzen. Im zweiten gaben 85 Studenten nach einer gelesenen Geschichte zum Netzwerken an, wie sehr sie sich Reinigungsprodukte wünschten.

Im dritten beantworteten 165 Rechtsanwälte einer großen Kanzlei einen Fragebogen zu ihren Jobkontakten. Im vierten füllten 149 Studenten einen Sauberkeitsfragebogen aus, nachdem sie auf LinkedIn oder Facebook unterwegs waren.

Dreckige Kontakte

Berufliches, zielführendes Netzwerken machte schmutzig. Im Gegensatz zum privaten, beziehungsorientierten Austausch führte das berufliche, zielführende Kontakten zum Eindruck, schmutzig zu sein. Wer ans Netzwerken im Job dachte, ergänzte Wörter wie „W _ _ H“ oder „S _ _ P“ eher sauberkeitsbezogen („wash, soap“) als neutral („wish, step“), fühlte sich unehrlich, unbehaglich und schmutzig und wünschte sich Reinigungsprodukte, wie Duschgel oder Zahnpasta. Wer im beruflichen Netzwerk LinkedIn eine Nachricht absetzte, kam sich danach schmutziger vor als nach einer privaten Kontaktaufnahme auf Facebook. Die bestätigte Wirkungskette war: Berufliches Netzwerken führte zum Verschmutzungsgefühl. Dieses löste ein Bedürfnis nach Reinigungsprodukten aus.

Schmutzanfällige Rechtsanwälte leisteten weniger. Diejenigen, die der Aussage zustimmten: „Wenn ich beruflich netzwerke, fühle ich mich meistens schmutzig“, hatten seltener berufliche Kontakte. Infolgedessen kamen sie auf weniger anrechenbare Stunden. Sie leisteten also weniger als ihre Kollegen, die schmutzresistent und kontaktfreudig waren. Eine hohe berufliche Position hebelte das Verschmutzungsempfinden aus. Rechtsanwälten mit Führungsverantwortung kam berufliches Kontakten nicht dreckig vor. Ebenso verlangen Studenten, die die Rolle eines „Managers“ einnahmen seltener nach Duschgel als jene, die „Angestellte“ sein mussten.

Reinlicheres Networking anbieten

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Die Autorinnen resümieren (S. 726): „Entsprechend unserer Annahme fanden wir, dass professionelles und instrumentelles Networking zu stärkeren Gefühlen der Verschmutzung führte als persönliches und spontanes Networking.“

Vor allem Beschäftigte unterer Hierarchieebenen könnten durch berufliche Kontakte profitieren, aufsteigen, sich verändern. Aber gerade für sie ist das eine schmutzige Angelegenheit. Firmen sollten daher überlegen, welche Formen ungezwungener Netzwerkarbeit sie ihnen anbieten können.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2015. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Tiziana Casciaro (University of Toronto), Francesca Gino (Harvard University), & Maryam Kouchaki (Northwestern University). (2014). The Contaminating Effects of Building Instrumental Ties: How Networking Can Make Us Feel Dirty (PDF). Administrative Science Quarterly, 59 (4), 705-735.

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