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Lernen von Samantha Heintzelman

Die meisten betrachten ihr Leben als sinnvoll

28. November 2014

Entgegen einer weiterverbreiteten Annahme, vielen Menschen mangele es an Lebensinn, kommen zwei US-amerikanische Forscherinnern nach Durchsicht repräsentativer Einzelstudien zu dem Schluss, dass die meisten sehr wohl ihr Leben als sinnvoll betrachten. Drei Quellen gibt es für mehr Sinnerleben: Beziehungen, Freude und Ordnung.

Sinnvakuum als Ausgangspunkt

Alle Hefte im ÜberblickSamantha Heintzelman studiert Psychologie an der University of Missouri. Zusammen mit Laura King, die an der dortigen Universität lehrt, hat sie im Fachmagazin American Psychologist kürzlich einen Übersichtsartikel zum Lebenssinn veröffentlicht.

Ausgangspunkt der beiden Forscherinnen war unter anderem die Annahme des Wiener Psychiaters und Sinnforschers Viktor Frankl, der seit den 1950er Jahren dem modernen Menschen ein Sinnlosigkeitsgefühl, ein „existenzielles Vakuum“, attestierte verbunden mit der unaufhörlichen Suche nach Lebenssinn. Doch stimmt es, dass die meisten Menschen keinen Sinn in ihrem Leben sehen?

Bedeutungsvolle Bestimmung

Um diese Frage zu beantworten, werteten die Psychologinnen Meinungsumfragen, psychologische Fragebogenstudien und Laborexperimente der letzten Jahrzehnte aus. Unter Lebenssinn („meaning in life“) verstanden sie eine grundlegende Überzeugung, die davon geprägt ist, dass:

1) das Leben ein Ziel oder eine Bestimmung hat,
2) dies für einen selbst bedeutungsvoll ist und
3) das Leben insgesamt als stimmig und geordnet wahrgenommen wird.

Zu welchen Ergebnissen kamen Samantha Heintzelman und Laura King?

Weite Verbreitung, hohe Ausprägung

Lebenssinn war verbreitet. In sechs US-amerikanischen Umfragen und einer weltweiten Befragung, die repräsentativ waren, zeigte sich, dass die überwältigende Mehrheit einen Sinn in ihrem Leben sah. 95 Prozent beantworteten etwa die Frage „Denken Sie, dass Ihr Leben einen Sinn hat?“ mit Ja. 90 Prozent stimmten der Aussage zu: „Ich erlebe eine Richtung und Bestimmung in meinem Leben.“

Lebenssinn war ausgeprägt. Die Forscherinnen nahmen die Skalen des „Purpose in Life Test“ (Beispielaussage: „Meine persönliche Existenz ist…“ mit den Abstufungen [1] „bedeutungslos“ bis [7] „bedeutungsvoll“) und die „Presence of Meaning Scale“ des „The Meaning in Life Questionnaire“ (Beispielaussage: „Ich habe ein gutes Gespür dafür, was mein Leben sinnvoll macht.“ mit den Abstufungen [1] „stimmt überhaupt nicht“ bis [7] „stimmt voll und ganz“) unter die Lupe. Ergebnis: Die Mittelwerte der meisten Studien lagen für die beiden Sieben-Stufen-Skalen bei 4,5 bis 5,5 – also deutlich über dem Skalenmittelpunkt. Selbst bei Personen mit Alkohol- und Drogenproblemen, mit Depressionen oder körperlichen Erkrankungen ergaben sich Durchschnittswerte über dem Skalenmittelpunkt. Allgemein hatten also alle Befragten einen positiv ausgeprägten Lebenssinn.

Beziehung, Freude und Ordnung

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Drei Quellen für den Lebenssinn gab es. In Experimenten kam heraus, dass der empfundene Lebenssinn zunahm, wenn man 1) sich mit anderen verbunden sah, 2) freudig gestimmt war oder 3) geordneten Reizen ausgesetzt war. Teilnehmer erlebten etwa mehr Lebensinn, wenn sie mit anderen gemeinsam an einem Computerfußballspiel teilnehmen konnten und nicht ausgeschlossen wurden. Kleine Dinge, die die Stimmung aufhellten, wie eine schwungvolle Musik hören oder einen Comic lesen, führten ebenfalls zu mehr Sinnerleben. Nachdem Reize gezeigt wurden, die nachvollziehbar geordnet waren – zum Beispiel blühende, grünblättrige, fruchttragende oder entlaubte Bäume in der Abfolge der Jahreszeiten –, waren die Teilnehmer ebenfalls der Ansicht, dass ihr Leben bedeutungsvoller sei.

Überlebenswichtiger Lebenssinn

Die Forscherinnen zogen den Schluss, dass viele Menschen viel Lebenssinn sähen. Gleichzeitig strebten die meisten danach, noch mehr Sinn für sich zu erschließen. Wie ließ sich dieses scheinbare Paradox – permanentes Sinnstreben bei maximaler Sinnerfüllung – erklären? Damit, dass Lebenssinn lebenswichtig sei und ständig nach Erneuerung verlange, ebenso wie man zeitlebens atmen, trinken und schlafen müsse. Die Autorinnen (S. 570):

„Die Auswertung legt nahe, dass der Lebenssinn ausgeprägt sein kann, auch wenn das Streben nach Sinn weitergeht, um der Selbststeuerung und der Anpassung des Organismus gerecht zu werden. Wenn Lebenssinn ein zentraler menschlicher Antrieb ist, dann existieren Sinnerleben und Sinnbedürfnis nebeneinander.“

Indem man Beziehungen eingehe, nach Glücksmomenten suche und Ordnung anstrebe, fülle man seine schwächelnden Sinnbatterien wieder auf.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2014. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Samantha J. Heintzelman & Laura A. King (2014). Life is Pretty Meaningful [Abstract]. American Psychologist, 69, 561-574.

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