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Lernen von Wilhelm Hofmann

Wer Gutes tut, wird unmoralischer

18. November 2014

Sozialpsychologen haben moralisches Verhalten im Alltag untersucht. Sie fanden heraus, dass Personen, die etwas Gutes taten, danach häufiger unmoralisch handelten. Religiöse fühlten sich öfter schuldig als Atheisten. Liberale berichteten vermehrt über Gerechtigkeitsverstöße, Konservative hingegen über religiöse Moral.

1.252 Personen per Smartphone befragt

Alle Hefte im ÜberblickEin Psychologenteam um Wilhelm Hofmann von der Kölner Universität hat das moralische Alltagsverhalten untersucht. Die Ergebnisse ihrer Studie „Morality in Everyday Life“ wurden in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht.

Die Psychologen befragten 1.252 Erwachsene mehrmals am Tag über ihr Smartphone. Dabei erfassten sie, ob die Person gerade etwas Moralisches oder Unmoralisches getan oder erlebt hatte. Außerdem wurden Religiosität und politische Einstellungen erfragt. Die Ergebnisse:

Schädigende Handlungen häufig genannt

Gutes getan, Schlechtes gelernt. Besonders häufig kreuzten die Befragten an, dass sie „moralische Handlungen“ gerade getan und von „unmoralischen Handlungen“ gelernt hatten.

Häufig umsichtige/schädigende Handlungen. Moralisch relevante Handlungen waren am häufigsten folgenden Kategorien zuzuordnen:

  1. Umsicht versus Schädigung: 51 Prozent.
    (Beispiel für Umsicht: „Ich gab einem Obdachlosen ein Sandwich, das ich mithatte.“ Schädigung: „Jemanden beauftragen, eine Ratte zu töten, obwohl diese keinem was zuleide getan hat.“ [Supplementary Materials, S. 14-16])
  2. Gerechtigkeit versus Ungerechtigkeit: 14 Prozent.
    (Gerechtigkeit: „Der Bedienung sagen, dass ich noch nicht bezahlt habe, obwohl sie dachte, ich hätte es schon.“ Ungerechtigkeit: „Auf der Arbeit ließ einer den guten Balsamico-Essig meines Kollegen mitgehen.“)
  3. Ehrlichkeit versus Unehrlichkeit: 13 Prozent.
    (Ehrlichkeit: „Ich fand ein verlorenes Handy und gab es seinem Besitzer zurück.“ Unehrlichkeit: „Jemandem sagen, dass sein Ratschlag gut sei, obwohl er es nicht ist.“)

Liberale Gerechtigkeit, konservative Religiosität

Liberale und Konservative unterschieden sich. Liberale nannten häufiger Handlungen die Gerechtigkeit/Ungerechtigkeit betrafen. Konservative nannten häufiger Taten, die sich auf die Einhaltung/Verletzung religiöser Gebräuche bezogen (Beispiel: „Mit einem Familienmitglied über Gott reden.“)

Religiöse fühlten sich schuldiger. Was die Anzahl guter Taten anging, unterschieden sich religiöse und ungläubige Personen nicht. Religiöse zeigten aber mehr Gefühle, wie Schuld, Scham oder Empörung, wenn sie über unmoralische Handlungen berichteten.

Unmoralisch nach guter Tat

Gutes getan, unmoralisch geworden. Die Forscher prüften noch die zeitliche Abfolge moralischer Erfahrung. Ergebnis: Wer selbst etwas Moralisches tat, wurde danach unmoralischer und tat infolge dessen häufiger etwas Schlechtes und seltener etwas Gutes. Wem hingegen etwas Gutes getan wurde, tat danach auch häufiger etwas ethisch Korrektes.

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Gute Taten für den Lebenssinn. Wer selbst etwas Gutes getan hatte, entdeckte mehr Lebenssinn. Wem etwas Ehrenhaftes getan wurde, wurde glücklicher.

Moralische Selbstgenehmigung

Die Forscher bestätigten damit im Alltag den Effekt der moralischen Selbstgenehmigung („moral self-licensing effect“), der schon aus Experimenten bekannt war: Wer etwas Gutes tut, findet sich selbst moralischer. Dieses gesteigerte Selbstbild führt dazu, sich danach einige unmoralische Handlungen zu genehmigen.

Beispiel: „Ich war schon den ganzen Morgen lieb und nett zu meinen Kollegen. Dafür kann ich jetzt auch mal am Telefon grantig sein.“

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2014. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Wilhelm Hofmann (Department of Psychology, University of Cologne), Daniel C. Wisneski (Department of Psychology, University of Illinois), Mark J. Brandt (Department of Social Psychology, Tilburg University) & Linda J. Skitka (Department of Psychology, University of Illinois). (2014). Morality in everyday life [Abstract]. Science, 345, 1340-1343.

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