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Lernen von Timothy Wilson

Denken ist unerträglich

2. September 2014

In elf Studien, die ein US-amerikanisches Forscherteam durchführte, kam heraus, dass Personen es kaum ertragen konnten, 15 Minuten lang still in einem Raum zu sitzen und bloß auf die eigenen Gedanken zu achten. Stattdessen gaben sie sich teilweise lieber Elektroschocks.

Einfach dasitzen und denken

Alle Hefte im ÜberblickTimothy Wilson ist Psychologieprofessor an der Universität Virginia in Charlottesville. Er forscht dazu, wie Menschen denken und welche Fehler ihnen dabei unterlaufen. Mit einem großen Forscherteam hat er jetzt untersucht, was passiert, wenn man einfach ruhig dasitzen und auf seine Gedanken achten soll. Die Ergebnisse wurden im Juli im Fachmagazin Science veröffentlicht.

Die Psychologen führten elf Studien durch. Die Teilnehmer – Studenten oder ältere Bürger – wurden dabei aufgefordert, für sechs bis 15 Minuten „sich mit den eigenen Gedanken zu beschäftigen“ und dabei „sitzen zu bleiben“ (S. 75). Habseligkeiten und Mobiltelefone wurden ihnen abgenommen. Teilweise sollten die Personen diese Übung zu Hause durchführen, nachdem alle Ablenkungen ausgeschaltet waren. In einer Studie hatten Studenten die Möglichkeit, sich während der Zeit des ungerichteten Denkens leichte Elektroschocks zu geben.

Unangenehmes Denken, angenehmes Handeln

Denken war unerträglich und schwer zu kontrollieren. Lediglich still dazusitzen und frei zu denken, fanden 49 Prozent unangenehm. 58 Prozent hatten Schwierigkeiten sich zu konzentrieren. 89 Prozent gaben an, dass ihr Geist stets „umherwanderte“ und nicht zu kontrollieren war. Denkaversion und Konzentrationsprobleme nahmen im Vergleich zum Laborraum zu Hause noch zu.

Handeln war viel angenehmer als Denken. Aktivitäten wie ein Buch lesen, Musik hören oder im Internet surfen wurden als viel angenehmer erlebt als bloßes Denken. Während dieser Handlungen konnte man sich auch leichter konzentrieren, und der Geist wanderte nicht ständig umher.

Die Denkaversion hing mit negativen Denkstilen zusammen. Je weniger „warm und glücklich“ die eigenen Tagträume normalerweise waren und je leichter man sich langweilte, desto negativer wurde das wenige Minuten dauernde Denken eingeschätzt.

Man gab sich lieber einen Elektroschock als zu denken. 67 Prozent der männlichen und 25 Prozent der weiblichen Teilnehmer, die zuvor noch angaben, lieber Geld zu bezahlen als sich Elektroschocks verpassen zu lassen, gaben sich während des 15-minütigen Denkens aus freien Stücken mindestens einen Elektroschock. Spitzenreiter war ein Mann, der sich 190 Elektroschocks verabreichte.

Sich lieber unter Druck setzen als denken

Die Autoren schlussfolgern (S. 77):

„Menschen ziehen das Handeln dem Denken vor, selbst wenn es so unangenehme Handlungen sind, dass sie normalerweise bezahlen würden, um sie zu vermeiden.“

Der Mensch neigt also zu selbstverletzendem Aktionismus und es fällt ihm über die Maßen schwer, in sich zu gehen und einfach nur ganz ungezwungen nachzudenken.

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Jörg Schindler zitiert die Studie in seiner Titelgeschichte „Der Uhr-Mensch“ im aktuellen Spiegel. Darin beschreibt er, wie geplagt der Mensch durch immer mehr Arbeit und Zeitdruck ist.

Die in der Studie gezeigte Abneigung gegenüber dem stillen, unbeeinflussten Denken ist für ihn mit ein Grund dafür, „wieso der Mensch auch dann, wenn ihn keiner dazu zwingt, nicht lockerlassen kann und stattdessen den Duck auf sich weiter erhöht“ (S. 117).

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2014. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Timothy D. Wilson (University of Virginia), David A. Reinhard, Erin C. Westgate, Daniel T. Gilbert (Harvard University), Nicole Ellerbeck, Cheryl Hahn, Casey L. Brown & Adi Shaked (2014). Just think: The challenges of the disengaged mind [Abstract]. Science, 345, 75-77.

Jörg Schindler (2014). Der Uhr-Mensch. Der Spiegel, 36/2014, 114-120. Zum Inhaltsverzeichnis.

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