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Lernen von Brook Macnamara

Langjährige Übung wird überschätzt

11. Juli 2014

In einer neuen Übersichtsstudie stellt ein Forscherteam um Brook Macnamara fest, dass langjährige Übung für herausragende Leistungen nicht so wichtig ist, wie bislang angenommen wurde. Übung sagt Leistung nur mittelmäßig vorher. Ein Großteil der Leistungsunterschiede bleibt dabei unaufgeklärt.

Genial durch gezielte Übung?

Brook Macnamara promoviert an der Princeton University zur Frage, wie Fähigkeiten erworben werden. Zusammen mit Forscherkollegen hat sie jetzt eine Übersichtsstudie zum Zusammenhang von langjähriger Übung und Leistung in der Online-First-Ausgabe der Fachzeitschrift Psychological Science veröffentlicht.

Alle Hefte im ÜberblickAusgangspunkt war der einflussreiche Artikel des Psychologen Anders Ericsson zur „gezielten Übung“ (Deliberate Practice), den er mit Kollegen 1993 im Psychological Review veröffentlichte. Dafür interviewte er Studenten im Fach Violine der Berliner Hochschüle der Künste zu ihrem Werdegang und ließ sie ihre bisherigen Übungsstunden schätzen.

Bevor sie ans Konservatorium kamen, hatten die „Besten“ im Alter von 18 Jahren durchschnittlich 7.410 Übungsstunden angehäuft, die „Guten“ nur 5.301 Stunden und eine Vergleichsgruppe angehender Musiklehrer mit niedrigerem Standard nur 3.420 Stunden.

Malcom Gladwell z.B. machte 2008 in seinem populären Sachbuch „Outliers: The Story of Success“ daraus die 10.000-Stunden-Formel: ein wirklicher Experte wird man erst nach 10.000 Stunden Übung (bei einer 40-Stunden-Arbeitswoche sind das rund fünf Jahre).

Studien mit 11.135 Personen ausgewertet

Doch bestimmt allein die gezielte Übung – ein genau geplantes Training zur Leistungssteigerung –, wer ein Genie wird oder nicht? Um diese Frage zu beantworten, suchten Brook Macnamara und ihre Kollegen alle bisherigen Studien zusammen, in denen langjährige Übung erforscht und Bezug auf Anders Ericsson genommen wurde.

Das waren insgesamt 88 Studien, in denen im Ganzen 11.135 Personen untersucht wurden. Die Forscher berechneten den durchschnittlichen Zusammenhang zwischen Übung und Leistung und schauten, ob es dabei Unterschiede hinsichtlich Leistungsbereichen oder Befragungsmethode gab. Was kam heraus?

Mittelprächtige Übung

Übung sagt Leistung mittelmäßig vorher. Der Zusammenhang zwischen langjähriger Übung und Leistung liegt insgesamt im mittleren Bereich. Außerdem gibt es Unterschiede, was die einzelnen Leistungsbereiche angeht. Im Einzelnen:

Bei objektiver Messung sagt Übung die Leistung noch weniger vorher. Wurde die Übung nicht durch fehleranfällige Erinnerung, sondern durch Tagebuchprotokolle erfasst, schrumpft der Übungs-Leistungs-Zusammenhang. So ist es auch, wenn die Leistung nicht durch grobe Gruppenzuweisung erfasst (z.B. „Gute“, „Mittelmäßige“), sondern objektiv gemessen wurde (z.B. mit einem Computer im Labor). Im Einzelnen:

Intelligenz ist wichtiger

Langjährige Übung sagt Leistung also nur mittelprächtig vorher. Durchschnittlich bleiben dabei 88 Prozent der Leistungsunterschiede unaufgeklärt. Bei musikalischen Leistungen sind es 79 Prozent und bei beruflichen mehr als 99 Prozent, die von anderen Einflüssen als einem regelmäßigen Training herrühren. Übung ist für Exzellenz also nicht so wichtig, wie von Anders Ericsson behauptet. Die Autoren resümieren (S. 8):

„Wir folgern daher, dass das Ausmaß an gezielter Übung – obgleich aus statistischer wie praktischer Sicht fraglos wichtig als Vorhersagefaktor individueller Leistungsunterschiede – nicht so wichtig ist, wie von Ericsson und Kollegen angenommen.“

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Nimmt man allein die berufliche Leistung, so ist allgemeine Intelligenz weitaus wichtiger als Erfahrung oder Übung. In der vorliegenden Studie erklärt Übung weniger als ein Prozent der beruflichen Leistungsunterschiede. Laut einem Übersichtsartikel der Metaanalyse-Experten Frank Schmidt und John Hunter von 2004 erklärt Erfahrung nur zwei Prozent der beruflichen Leistung von Mitarbeitern, die mindestens zwölf Jahre Berufserfahrung haben. Im Gegensatz dazu sind ganze 35 Prozent der Leistung Berufserfahrener auf ihre Intelligenz zurückzuführen.

Mit anderen Worten: Gemessen an allgemeinen kognitiven Fähigkeiten fallen Übung und Erfahrung weniger ins Gewicht, wenn man die Leistung herausragender Fachleute erklären will.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2014. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Brooke N. Macnamara (Princeton University), David Z. Hambrick (Michigan State University), Frederick L. Oswald (Rice University). (2014). Deliberate Practice and Performance in Music, Games, Sports, Education, and Professions: A Meta-Analysis [Abstract]. Psychological Science OnlineFirst.

K. Anders Ericsson, Ralf Th. Krampe & Clemens Tesch-Römer (1993). The Role of Deliberate Practice in the Acquisition of Expert Performance [Abstract]. Psychological Review, 100 (3), 363-406.

Frank L. Schmidt (University of Iowa) & John Hunter (Michigan State University). (2004). General Mental Ability in the World of Work: Occupational Attainment and Job Performance [Abstract]. Journal of Personality and Social Psychology, 86 (1), 162-173.

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