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Lernen von Jennifer R. Henretty

Selbstoffenbarung wirkt

24. Juni 2014

Wenn Berater sich selbst offenbaren und während der Sitzung etwas Persönliches mitteilen, verlaufen Beratungen erfolgreicher. Zu diesem Ergebnis kommt die Psychologin Jennifer Henretty, die in einer Metaanalyse alle bisherigen Einzelstudien zur beraterischen Selbstoffenbarung zusammengefasst hat.

Eigene Erfahrungen und Gefühle mitteilen

Alle Hefte im ÜberblickJennifer R. Henretty ist klinische Psychologin an einer ambulanten Klinik für Ess- und Abhängigkeitsstörungen in der Nähe von Los Angeles. Sie hat an der Universität Memphis zur Frage promoviert, ob es gut ist, wenn ein Berater in einer Beratung etwas Persönliches von sich preisgibt. Die Hauptergebnisse hat sie jetzt zusammen mit Kollegen im Journal of Counseling Psychology veröffentlicht.

Selbstoffenbarung (self-disclosure) heißt, dass man einer anderen Person etwas über sich selbst mitteilt: eigene Gedanken, Gefühle oder Erfahrungen. Wenn sich ein Berater gegenüber seinem Klienten offenbart, können das persönliche Äußerungen sein, die sich auf das beziehen, was innerhalb der Beratung („Ich bewundere wirklich, wie mutig Sie sind.“) oder außerhalb davon („Ich hatte auch eine Zeit lang mit Ängsten zu kämpfen.“) geschieht.

Selbstoffenbarung: gut oder schlecht?

In der Tradition Sigmund Freuds wurde beraterische Selbstoffenbarung abgelehnt, weil diese die Sicht auf den Klienten verstellte. In der Linie der humanistischen Psychologie wurde sie von Carl Rogers hingegen unterstützt, weil sie die Beziehung zwischen Berater und Klient verbesserte. Sind persönliche Äußerungen eines Beraters nun gut oder schlecht? Welche inhaltlichen und formalen Aspekte spielen dabei eine Rolle? Das waren die Forschungsfragen, denen Jennifer Henretty nachging.

Sie führte eine Metaanalyse durch und fasste alle bisherigen Experimente rechnerisch zusammen, in denen es eine Experimentalgruppe mit beraterischer Selbstoffenbarung und eine Kontrollgruppe ohne diese gab. Insgesamt waren das 53 Studien aus den Jahren 1968 bis 2011. Die Klienten waren Studenten sowie Personen mit und ohne psychische Störungen. Die Berater arbeiteten im therapeutischen wie im nichttherapeutischen Bereich.

Besser dank Selbstoffenbarung

Es war gut, wenn Berater etwas von sich preisgaben. Insgesamt zeigte sich ein kleiner positiver Effekt. Wenn der Berater etwas von sich erzählte, nahmen Klienten – im Vergleich zu Beratungen, in denen sich der Berater zurückhielt – die Sitzungen als angenehmer und erfolgreicher wahr. Psychische Symptome verbesserten sich dadurch aber nicht.

Es kam auf die Inhalte der Selbstoffenbarungen an. Besonders positive Effekte hatten persönliche Äußerungen des Beraters, die:

  1. seine Erfahrungen außerhalb der Beratung widergaben,
  2. von negativen (statt von positiven) Gedanken oder Gefühlen handelten und
  3. der Sichtweise des Klienten ähnlich waren.

Wenn die Äußerungen des Beraters mit der Meinung des Klienten übereinstimmten, zeigte dieser eine größere Compliance und hielt sich eher an die therapeutischen Ratschläge.

Formale Aspekte der Selbstoffenbarungen waren wichtig. Beraterische Selbstoffenbarungen waren für den Sitzungsverlauf besonders vorteilhaft, wenn sie:

  1. ausgesprochen wurden, bevor sich der Klient offenbarte,
  2. in der Zeitform des Präsens formuliert waren und
  3. mehrmals während der Sitzung geäußert wurden (ein- bis dreimal offenbarten sich die Berater in den Experimenten).

Gut fürs Vertrauensverhältnis

Wenn Berater Persönliches preisgaben, beeinträchtigte das also nicht den Beratungs- und Therapieverlauf, sondern verbesserte ihn. Die Autoren schlussfolgern (S. 198):

„Während einige Kliniker vermuteten, dass beraterische Selbstoffenbarungen eine Therapie entgleisen ließen und sich negativ auf den Therapieerfolg auswirkten, nahmen andere an, dass diese Äußerungen Vertrauen, wahrgenommene Ähnlichkeit, mitfühlendes Verständnis und Selbstoffenbarungen seitens des Klienten förderten. Die Ergebnisse der Übersichtsstudie legen nahe, dass die Annahme Letzterer richtig ist.“

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Wenn Berater hin und wieder ihre Meinung kundtun, stärkt das aus Sicht der Forscherin:

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2014. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Jennifer R. Henretty (University of Memphis), Joseph M. Currier (University of South Alabama), Jeffrey S. Berman (University of Memphis) & Heidi M. Levitt (University of Massachusetts, Boston). (2014). The Impact of Counselor Self-Disclosure on Clients: A Meta-Analytic Review of Experimental and Quasi-Experimental Research [Abstract]. Journal of Counseling Psychology, 61 (2), 191-207.

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