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Lernen von Timur Sevincer

Positives Denken endet in wirtschaftlichen Krisen

8. April 2014

Positives Denken endet in wirtschaftlichen Krisen, so zwei neue Studien von Hamburger Forschern. Sie zählten beschönigende Sentenzen in Wirtschaftsartikeln und Antrittsreden der US-Präsidenten aus. Ergebnis: Diese Indikatoren eines rosaroten Meinungsklimas führten zu sinkenden Aktienindizes, einem geringerem Bruttoinlandsprodukt und einer höheren Arbeitslosigkeit.

Positives Denken macht faul

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A. Timur Sevincer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hamburg und forscht zur Motivation. In der OnlineFirst-Ausgabe der Fachzeitschrift Psychological Science hat er zusammen mit Kolleginnen zwei Studien zu den wirtschaftlichen Folgen positiven Denkens veröffentlicht.

Ausgangspunkt waren Forschungsergebnisse, wonach positives Denken dazu verleitet, sich weniger anzustrengen und weniger zu leisten. Positives Denken sind Gedanken und Vorstellungen, mit denen unabhängig von der Sachlage die Zukunft schöngefärbt wird. Im täglichen Leben führt das nachgewiesenermaßen dazu, dass:

Alle Hefte im ÜberblickKönnte diese kontraintuitive Tatsache, dass positives Denken nicht zu positiven Ergebnissen führt, sondern faul macht, auch für gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge gelten? Das prüften die Forscher in zwei Studien.

Wirtschaftsartikel, Antrittsreden ausgewertet

In der ersten Studie werteten sie Leitartikel von der Wirtschaftsseite der Tageszeitung USA Today aus, die in der Krisenzeit 2007 bis 2009 erschienen, und schauten, wie sich eine Woche und einen Monat später der Dow-Jones-Index entwickelte, der die 30 größten US-Unternehmen zusammenfasst.

In der zweiten Studie klopften sie die Antrittsreden der US-amerikanischen Präsidenten von 1933 bis 2009 auf positives Denken hin ab und plotteten am Ende der vierjährigen Amtszeit den wirtschaftlichen Erfolg gemessen am Bruttoinlandsprodukt und an der Arbeitslosenquote. In beiden Studien wurden die zukunftsbezogenen positiven Wörter im Text durch ein Computerprogramm ausgezählt. Was kam heraus?

Wertverlust und Arbeitslose

Sinkender Aktienindex nach optimistischen Zeitungsartikeln. Eine Woche und einen Monat später schwächelte der Dow-Jones-Aktienindex in der Zeit der Wirtschaftskrise, wenn es zuvor einen Wirtschaftsartikel in der auflagenstärksten Tageszeitung USA Today gegeben hatte. Die umgekehrte Beziehung – das sinkende Börsenbarometer führte eine Woche später zu positiveren Durchhalteparolen im Wirtschaftsteil der Zeitung – ließ sich statistisch nicht belegen.

Weniger Wirtschaftsleistung und mehr Arbeitslosigkeit nach blumigen Antrittsreden. Wenn US-Präsidenten in ihrer Einführungsrede an die Nation „Träume und Hoffnungen der Regierung“ (Reagan, 1981), „die Tugend und Tapferkeit des amerikanischen Volkes“ (Bush, 1989) oder die „bessere Nutzung der weltweiten menschlichen und natürlichen Ressourcen“ (Truman, 1949) heraufbeschworen, mündete das statistisch gesehen in ein geringeres Bruttoinlandsprodukt und eine höhere Arbeitslosigkeit. Die umgekehrte Beziehung – vorangegangene Wirtschaftskrisen gipfelten in bauschigen Sonntagsreden – konnte auch hier ausgeschlossen werden.

Salbungsvoll in den Ruin

Positives Denken einflussreicher Wirtschaftsjournalisten oder Präsidenten endete also in krisenhaften gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen. Die Forscher können nicht ausschließen, dass diese Zusammenhänge durch Drittvariablen zustande kommen, etwa durch ein getrübtes Konsumklima oder eine ungünstige Auftragslage der Unternehmen. Aber in beiden Studien gab es zeitversetzte Effekte, wonach salbungsvolles Klügeln geradewegs in den Ruin führte. Die Autoren resümieren (S. 7):

„Ein kulturelles Klima, das davon bestimmt ist, positiv an die Zukunft zu denken, ist ein wichtiger psychologischer Faktor, der nicht zu einem wirtschaftlichen Aufschwung, sondern Abschwung führt.“

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2014. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

A. Timur Sevincer, Greta Wagner, Johanna Kalvelage (University of Hamburg) & Gabriele Oettingen (University of Hamburg, New York University). (2014). Positive Thinking About the Future in Newspaper Reports and Presidential Addresses Predicts Economic Downturn (Abstract). Psychological Science, OnlineFirst.

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