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Lernen von Andrew Edward White

Männer mit geringer Paarungschance sind für soziale Umverteilung

5. März 2014

In wirtschaftlichen Krisenzeiten sind Männer mit geringer Paarungschance eher für soziale Umverteilung und damit altruistischer, Männer mit höherer Paarungschance hingegen gegen soziale Umverteilung und damit egoistischer. Bei Frauen zeigt sich dieser Effekt nicht. Das ist das Ergebnis einer neuen Studienreihe mit evolutionspsychologischem Ansatz.

Ausgangspunkt: Paarungsverhalten in Krisenzeiten

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Der Sozialpsychologe Andrew Edward White promoviert gerade an der Arizona State University zum Verhalten in wirtschaftlichen Krisenzeiten. Zusammen mit seinen Forscherkollegen Douglas Kenrick, Rebecca Neal und Steven Neuberg hat er jetzt mit einem evolutionspsychologischen Ansatz Einstellungen zu sozialer Umverteilung in Krisenzeiten untersucht. Veröffentlicht wurden ihre Ergebnisse im Journal of Personality and Social Psychology.

Evolutionspsychologischer Ansatz bedeutet in diesem Falle, dass die Wissenschaftler Muster vom Paarungsverhalten aus dem Tierreich auf den Menschen übertrugen. Die entsprechende Hypothese dazu:

  1. Frauen suchen Männer, die ihnen Ressourcen geben können (Schutz, Status, Geld).
  2. Männer, die diese Ressourcen durch ihre Physis und ihr Auftreten versprechen – dominante, attraktive, starke, intelligente und zuverlässige Männer –, haben eine gute Chance, die Frau zu bekommen, die sie wollen, sprich: sie haben gute Paarungschancen. Männer, die diese Eigenschaften nicht haben, haben geringere Paarungschancen.
  3. Das Paarungsverhalten attraktiver Männer (zumindest im Tierreich) sieht häufig so aus, dass sie allein den Konkurrenzkampf wagen und sich nehmen, was sie wollen. Weniger attraktive Männer hingegen verbünden sich, gehen Kooperationen ein und versuchen, in einer konzertanten Aktion attraktivere Konkurrenten zu übertrumpfen.
  4. In Situationen, in denen Ressourcen knapp werden, sollten sich diese Tendenzen – attraktive Männer handeln egoistisch, weniger attraktive Männer sozialer – verstärken.
  5. Bezogen auf den Wohlfahrtsstaat würden attraktive Männer in Krisenzeiten eher gegen soziale Umverteilung sein, unscheinbarere Männer sollten eher für soziale Umverteilung stimmen, die für mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft sorgt.
  6. Auf Frauen sollte dies alles nicht zutreffen, da sie weniger um Ressourcen kämpfen als um die von Männern geschätzte körperliche Schönheit.

Paarungschance und Einstellung zu sozialer Umverteilung gemessen

Alle Hefte im ÜberblickAlles in allem eine gewagte Hypothese, die die Forscher in sechs einzelnen Experimenten untersuchten. Dabei ließen sie Männer wie Frauen ihren „Paarungswert“ (Mate-Value) oder ihre subjektive Paarungschance einschätzen („Angehörige des anderen Geschlechts, die ich mag, mögen mich meistens auch.“, S. 927). Sie erzeugten einen Zustand der wirtschaftlichen Krise, indem die Teilnehmer z.B. einen Zeitungsbeitrag lasen, in welchem Ressourcenknappheit durch Hinweise auf Arbeitslosigkeit, Wertverluste und Rückgang des Wohlstands angesprochen wurde. Danach maß man ihre Einstellung zu sozialer Umverteilung, entweder indem sie Bonuspunkte in einem Spiel gerecht oder ungerecht vergeben oder indem sie ihre Meinung zur Umverteilung auf politischer Ebene ausdrücken konnten, zu:

Zudem testeten die Forscher neben der Evolutionshypothese – Männer mit geringer (großer) Paarungschance sind in Zeiten wirtschaftlicher Krise für (gegen) soziale Umverteilung – noch die rational naheliegende Konkurrenzhypothese: Wirtschaftlich gut (schlecht) gestellte Männer wie Frauen sind unabhängig von Krisenzeiten für (gegen) Umverteilung, weil Reiche nichts abgeben und Arme etwas mehr haben wollen. Was kam heraus?

Eine geringe Paarungschance machte Männer sozialer

Die Paarungschance bestimmte die Gerechtigkeit in einem Spiel. Nach Informationen zur wirtschaftlichen Krise waren Männer, die gute Paarungschancen für sich sahen, in einem Spiel egoistisch und gaben sich selbst die meisten Punkte. Männer mit geringen Paarungschancen waren prosozialer und berücksichtigten auch andere Spieler. Für Frauen ergab sich kein Effekt. Der subjektive sozioökonomische Status und der objektive (Haushaltseinkommen im Jahr) hatten ebenfalls keinen Einfluss auf die Gerechtigkeit im Spiel.

Die Paarungschance bestimmte die politische Meinung zu sozialer Umverteilung. Unter der Bedingung der Ressourcenknappheit (eine vorgeführte Diashow zur Wirtschaftskrise) waren attraktive Männer mit guten Paarungschancen gegen soziale Umverteilung: gegen kostenlose Gesundheitsversorgung, gegen Wohlfahrt für Arme, gegen Steuererhöhungen für Reiche. Unscheinbarere Männer mit geringeren Paarungschancen waren für soziale Umverteilung, also für Gesundheitsvorsorge, Fürsorge und Steuergerechtigkeit. Bei Frauen zeigte sich wiederum kein Effekt, ebenso nicht hinsichtlich des Jahreseinkommens.

Die Paarungschance bestimmte das Abstimmungsverhalten zur Steuerpolitik von Abgeordneten des US-Kongresses. Anhand von Fotos bewerteten Studenten die Paarungschance der Kongressabgeordneten („Wenn die Person morgen Single würde, wie schwer oder leicht würde sie es haben, ein Date zu bekommen?“, S. 931). Unter der Bedingung der wirtschaftlichen Bedrohung (hohe Arbeitslosigkeit im Distrikt des Abgeordneten) stimmten attraktive männliche Abgeordnete gegen Steuererhöhung und für eine Kürzung der Staatsausgaben. Weniger attraktive stimmten für Steuerhöhung und für mehr Staatsausgaben. Bei weiblichen Abgeordneten zeigte sich kein Effekt. Tendenziell ging ein höherer sozioökonomischer Status eines Abgeordneten damit einher, dass er gegen Steuererhöhung war. Dieser Effekt war aber nicht so groß wie der der Paarungschance und statistisch nicht signifikant.

Die prosoziale Orientierung vermittelte die Wirkung der Paarungschancen. Schließlich zeigte sich, dass die prosoziale Orientierung, also die Bereitschaft, anderen etwas von seinem eigenen Geld abzugeben, die Wirkung der Paarungschance vermittelte. Wer von den Männern wirtschaftliche Engpässe vermutete und bei Frauen nicht so gut ankam, war prosozialer eingestellt. Diese altruistischere Einstellung wirkte als vermittelnder Faktor und führte dann dazu, dass unattraktivere Männer eher zu sozialer Umverteilung bereit waren, zu Steuererhöhungen oder Ausgaben zugunsten Ärmerer.

Kalte Evolutionslogik

In allen Einzelstudien zeigte sich, dass die Paarungschance von Männern bestimmte, wie sie in wirtschaftlichen Krisenzeiten zu sozialer Umverteilung stehen. Ihr ökonomischer Status hatte dagegen eine geringere oder keine Wirkung auf ihre Meinung zu sozialer Gerechtigkeit. Das spricht für die evolutionspsychologische Hypothese.

Dennoch gibt es Zweifel. So kann beispielsweise nicht ausgeschlossen werden, dass hinter der Angabe zur subjektiven Paarungschance Faktoren stehen, die eher den Selbstwert betreffen. Das wäre dann der relevante Faktor, der sozial oder unsozial macht. Außerdem klingt die evolutionäre Logik, von der die Autoren überzeugt sind, mitunter ziemlich kalt (S. 937):

„Während einer wirtschaftlichen Bedrohung nimmt die Anzahl von Männern mit solider finanzieller Ausstattung, also die hochwertigen Partner, ab. In der Folge müssen Frauen mehr gegen andere Frauen konkurrieren, um die wenigen hochwertigen Partner anzuziehen.“

Ob das Frauen und Männer tatsächlich so sehen? Jedenfalls darf dem Menschen attestiert werden, dass er diese Mechanismen durchschauen und sehr wohl außer Kraft setzen kann. Was das Abstimmungsverhalten von Abgeordneten angeht, so räumen die Autoren immerhin eine Vielzahl weiterer Einflussfaktoren ein. Sie wurden in der vorliegenden Studie nur nicht untersucht.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2014. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Andrew Edward White, Douglas T. Kenrick, Rebecca Neel & Steven L. Neuberg (Arizona State University). (2013). From the Bedroom to the Budget Deficit: Mate Competition Changes Men’s Attitudes Toward Economic Redistribution [Abstract]. Journal of Personality and Social Psychology, 105(6), 924-940.

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