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Lernen von Paulo Cardoso

Lichtblicke während der Karriereberatung

4. März 2014

Ein portugiesisches Forscherteam um den Psychologen Paulo Cardoso hat Lichtblicke während der Karriereberatung untersucht. Das sind innovative Momente, in denen es der Klient schafft, sich von seiner Problemsicht zu befreien und neue Ziele anzugehen. In einer Fallstudie untersuchten sie fünf Formen solcher Momente – Handeln, Nachdenken, Widerspruch, Neuentwurf und Veränderung – und leiteten Empfehlungen für Karriereberater ab.

Schwanken zwischen Innovation und Problemverhaftung

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Paulo Cardoso, Psychologieprofessor an der portugiesischen Universität Évora, hat zusammen mit seinen Forscherkollegen Gesprächssequenzen einer Berufsberatung untersucht. Die Ergebnisse sind in der Februar-Ausgabe des Journal of Vocational Behavior abgedruckt.

Ausgangspunkt war, dass es in der Psychotherapie Lichtblicke gibt, sogenannte „innovative Momente (IM)“, während deren eine Person problembehaftetes Denken und Fühlen infrage stellt, sich davon befreit und Veränderungen angeht, und dass ebenso Rückschritte vorkommen, sogenannte „Rückzüge zum Problem (RP)“, bei denen Klienten wieder ihre alte Sichtweise einnehmen, die schmerzhafte Gedanken und Leiden mit sich bringt. IMs und RPs wechseln ständig während der Therapie, und wenn sie erfolgreich verläuft, werden innovative Momente häufiger und der Rückzug zum Problem seltener; die Person befreit sich von ihrem Problem.

Alle Hefte im ÜberblickÄhnlich könnte es auch während einer Karriereberatung sein. Auch hier könnten sich innovative Momente („Ich habe erkannt, dass ich wirklich gerne Arzt werden möchte...“) und Rückzüge zum Problem abwechseln („…aber ich weiß nicht, ob ich wirklich in der Lage bin, diese Ziel zu erreichen.“). Um das zu untersuchen, führten die portugiesischen Forscher eine Fallstudie durch. Grundlage war eine Berufsberatung mit dem Informatikstudenten „Michael“, die über drei Sitzungen verlief, und die der Karriereforscher Mark Savickas auf Video aufzeichnete. Michaels Problem war, dass er nicht wusste, was er nach seinem Studium beruflich tun sollte.

Fünf Formen innovativer Momente

Bevor die Forscher die drei Sitzungen auswerteten, bestimmten sie genauer, was innovative Momente und was Rückzüge zum Problem waren. Sie definierten fünf Arten innovativer Momente sowie die Problemsicht (S. 13):

Handeln. Man tut etwas, was seinem beruflichen Problem oder seinem negativem Selbstbild entgegensteht, informiert sich, handelt. (Beispiel: „Letztes Wochenende habe ich mit meinem Mann darüber gesprochen zu kündigen.“)

Nachdenken. Man denkt über sein Problem nach, aber so, dass der Problemfokus verlassen wird. Zwei Formen sind möglich: 1) man distanziert sich von seinem Problem („Ich bin mir sicher, dass meine Familien nicht darunter leiden wird, wenn ich meinen Job aufgebe.“) oder 2) man konzentriert sich auf die Veränderung („Die letzte Sitzung machte mir deutlich, dass ich mich beruflich verändern kann.“)

Widerspruch. Hier widerspricht man seinem bisherigen problemverhafteten Denken. Zwei Formen sind möglich: 1) die bisherige Sichtweise oder das Problem werden kritisch gesehen („Ich habe es satt, mich ständig nach anderen zu richten. Jetzt geht’s um mich.“) oder 2) mit Vehemenz wird eine neue Position vertreten („Jetzt kämpfe ich für mich selbst. Was ich fühle ist wichtig. Mein Bauch sagt mir, dass ich draußen in der Natur arbeiten muss.“).

Neuentwurf. Eine Meta-Perspektive wird eingenommen. Man erkennt, wie man früher war und wie man jetzt ist. Außerdem denkt man darüber nach, was zu diesem Wandel geführt hat. So gelingt es, sich selbst neu zu sehen, neu „zu entwerfen“, was Voraussetzung zur langfristigen Verhaltensänderung ist („Ich habe erkannt, welche Richtung ich einschlagen muss. Vor einem Monat war ich noch unsicher, aber jetzt weiß ich, was ich tun will und bin viel gelassener.“)

Veränderung. Neue Pläne werden entworfen und neue Ziele gesetzt, die die Person zum handeln veranlassen. („Mein neuer Karriereplan fühlt sich gut an. Als ich am Wochenende mit einer Freundin darüber gesprochen habe, war ich das erste Mal wieder so richtig begeistert von meinem Beruf.“).

Rückzug zum Problem. Das Problem wird geäußert, man weiß nicht, was man tun soll, macht sich selbst schlecht, sieht keinen Ausweg. Negative Gefühle wie Ärger, Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit herrschen vor. („Ich weiß nicht, welche Richtung ich einschlagen soll. Ich bin mir ständig unsicher und denke darüber nach.“)

Mehr innovative Momente, weniger Problemsicht

Entsprechend dieser Klassifikation ordneten die Forscher jede Gesprächssequenz aus Michaels Berufsberatung den fünf Arten innovativer Momente und dem Rückzug zum Problem zu. Die Ergebnisse:

Tieferes Verstehen anregen

Die Klassifikation der Forscher bildete also die Lichtblicke während der Karriereberatung ab. Sie waren ein probates Mittel, jenseits schwammiger Formulierungen von „Change“ und „Erfolg“ die Änderungen in Michaels Denken und Handeln nachzuvollziehen. Berufs- und Karriereberatern geben die Forscher folgende Tipps mit auf den Weg:

Marker der Veränderung nutzen. Bei der Karriereberatung lohnen sich solche Marker, da sie schon während des Verlaufs den Erfolg oder Misserfolg der Beratung andeuten. Die fünf Formen innovativer Momente sind solche Marker.

Auf eine angemessene Länge der Karriereberatungen achten. Im Fall von Michael zeigte sich, dass während der drei Sitzungen kaum innovative Momente des Neuentwurfs oder der Veränderungshaltung vorkamen. Diese brauchen offensichtlich Zeit. Patienten in Psychotherapie zeigen erst nach sechs Sitzungen Gedanken eines Neuentwurfs. Das könnte als Anhaltspunkt für die Karriereberatung dienen.

Zum tieferen Verstehen anregen. Karriereberater sollten ihre Klienten zu „höheren“ Formen der innovativen Momente anregen, also zum Nachdenken und Widerspruch des Typs 2, bei dem die Veränderung im Mittelpunkt steht, und zum Neuentwurf. Fragen sind dabei entscheidend, die auf Ähnlichkeiten und Veränderungen des Selbstbilds abzielen, z.B.: „Was haben Sie früher gedacht und was jetzt? Haben sich Ihre Gefühle verändert und wenn ja, wie? Auf welche neuen Ziele freuen Sie sich?“

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2014. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Paulo Cardoso (Department of Psychology, University of Évora, Portugal), Joana R. Silva, Miguel M. Gonçalves (School of Psychology, University of Minho, Portugal), Maria Eduarda Duarte (Faculty of Psychology, University of Lisbon, Portugal). (2014). Innovative moments and change in Career Construction Counseling [Abstract]. Journal of Vocational Behavior, 84 (1), 11–20.

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