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Lernen von Patricia Greenfield

Verstädterter Geist

29. November 2013

Patricia Greenfield hat den „verstädterten Geist“ untersucht – Werte und Begriffe, die sich durch die Flucht vom Land in die Stadt seit 1800 gewandelt haben. Sie führte dazu Worthäufigkeitsanalysen in von Google erfassten Büchern durch. Es zeigte sich, dass in den letzten 200 Jahren häufiger Wörter gebraucht werden, die für Wahlfreiheit, Habenwollen, Innensicht und Ichzentrierung stehen.

Worthäufigkeiten zwischen 1800 und 2000

Wie hat sich unser Denken entwickelt und womit hing diese Entwicklung zusammen? Diesen Fragen ist Patricia M. Greenfield, Psychologieprofessorin an der University of California, Los Angeles, in einer neuen Studie nachgegangen, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Psychological Science.

Sie hat simple Inhaltsanalysen mit dem „Google Books Ngram Viewer“ gemacht. Ein „Ngram“ oder auf Deutsch „N-Gramm“ ist eine Folge von n Buchstaben, zum Beispiel das Monogramm mit nur einem Buchstaben. Folgen mit mehreren Buchstaben sind ganz einfach Wörter. Mit dem Ngram-Viewer von Google kann man sich anzeigen lassen, wie häufig ein Wort in der Menge aller Wörter von Büchern eines Veröffentlichungsjahres vorkommt.

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Diese Bücher hat Google elektronisch als Volltext erfasst und indexiert. Insgesamt sind es 1.160.000 englischsprachige Bücher aus den USA und 350.000 Bücher aus Großbritannien, die zwischen den Jahren 1800 und 2000 veröffentlicht wurden und auf die sich die Autorin beschränkte. Sie ließ sich also die relativen Häufigkeiten von bestimmten Wörtern in Büchern zwischen 1800 und 2000 ausgeben, um damit auf die Mentalität der Menschen zu schließen.

Städtisch geprägte Einzelkämpfer

Die Wörter, die sie auswählte, spiegeln einen Entwicklungstrend in den Industrieländern wider, weg vom ländlich bestimmten Gemeinschaftsmenschen hin zum städtisch geprägten Einzelkämpfer. Ihre Annahme: Die Umgebung prägt die Werte der Menschen. Wenn sie vom Land in die Stadt ziehen, lösen sie sich aus einem gemeinschaftlich geprägten Verband und werden individualistischer. Dieser Individualismus sollte sich in Werten der Wahlfreiheit, des Habenwollens, einer neuen Innensicht und Ichzentrierung niederschlagen.

Zu diesen Bereichen wählte sie zentrale Wörter aus und erhob ihre Häufigkeitsverteilung über die Jahre hinweg. Die Analysen sicherte sie ab, indem sie die Wortverteilung in zwei Quellen (US-amerikanische und britische Bücher) und auch der Synonyme prüfte (was belegen sollte, dass sich auch wirklich der Gebrauch der dahinterstehenden Begriffe änderte). Die Ergebnisse:

Landflucht

Um die Umgebungsveränderungen deutlich zu machen, griff die Autorin auf die Bevölkerungszählungen in den USA zurück. Während um 1800 94 Prozent aller Menschen in ländlichen Regionen und die übrigen in der Stadt lebten, kehrte sich das Verhältnis im Jahr 2000 fast komplett um. Zu diesem Zeitpunkt lebten 79 Prozent in der Stadt und die übrigen auf dem Land.

Wahlfreiheit

Hierzu prüfte sie die Verteilung der Wörter „obliged“ (verpflichtet) und „choose“ (wählen). Während die Häufigkeit des ersten Wortes ab 1800 stetig abnimmt, nimmt die des zweiten Wortes kontinuierlich zu.

Bei der raschen Gegenprüfung in deutschsprachigen Büchern – die die Autorin selbst nicht vornahm – zeigt sich dieser klare Trend beim Wort „Pflicht“ (wird seit 1800 seltener) und „Entscheidung“ (wird häufiger). Die Häufigkeitsverteilung der deutschen Verbformen „verpflichtet“ und „wählen“ fällt allerdings nicht eindeutig aus, was an feststehenden Wendungen liegen könnte.

Habenwollen

Die Tendenz, immer mehr haben, aber gleichzeitig weniger geben wollen, zeigt sich daran, dass seit 1800 das Wort „give“ (geben) immer rarer geworden ist, während „get“ (bekommen) immer häufiger gebraucht wird. Ein ähnlicher Trend lässt sich bei den Wörtern im deutschsprachigen Konvolut erkennen.

Innensicht

Die Abkehr von der Außensicht und die Hinwendung zur psychologischen Innensicht macht Patricia Greenfield an den Wörtern „act“ (handeln) und „feel“ (fühlen) fest. Das erste Wort taucht in englischsprachigen Büchern immer seltener auf, das zweite seit den 1970er Jahren immer häufiger.

Das deutsche Wort „handeln“ wird ebenfalls seltener. Das Wort „fühlen“ wird seit 1800 allerdings auch seltener, mit leichter Zunahme ab 1970. Die vorherige Ausdünnung könnte daran liegen, dass „fühlen“ ein zentrales Wort der deutschen Romantik war.

Ichzentrierung

Zu diesem Bereich prüfte Greenfield die Wörter „individual“ (individuell), „self“ (selbst), „unique“ (einzigartig) und „child“ (Kind), die dafür stehen, dass man sich dem Selbst zuwendet und das Kind ins Zentrum rückt.

Den Gegenpol dazu bilden die Wörter „obedience“ (Gehorsam), „authority“ (Autorität), „belong“ (angehören) und „pray“ (beten), die für soziale Kontrolle und Hierarchie in der Gemeinschaft stehen.

Die ichzentrierten Wörter wurden in der englischsprachigen Literatur in den letzten 200 Jahren immer häufiger gebraucht, die hierarchielastigen immer seltener.

Die deutschen Wörter verteilen sich ähnlich. „Gehorsam“, „beten“ und „angehören“ werden seit 1800 seltener, ebenso „Autorität“ seit 1970. „Individuell“ und „einzigartig“ werden seit 1800 stetig häufiger, „Kind“ und „selbst“, jedoch nicht, was wieder an Besonderheiten der deutschen Sprache oder Geschichte liegen könnte.

Warmherzigkeit weg

In der Studie werden also die Werte einer verstädterten Gesellschaft deutlich. Der Zusammenhalt nimmt ab. Der Einzelne befreit sich vom Gehorsam innerhalb einer Gemeinschaft, entscheidet frei, will mehr haben, kreist um sich selbst.

Die Kehrseite dieser Befreiung ist, dass warmherzige Züge zurückgedrängt werden. Dazu zitiert die Autorin folgende Forschungsergebnisse (S. 1722 ff.):

Bleibt zu hoffen, dass es wieder eine umgekehrte Entwicklung gibt und der befreite Mensch sieht, dass Warmherzigkeit zum selbstbestimmten Leben dazugehört. Mitgefühl, Verständnis, sich mit anderen absprechen – all das erdet im städtischen Raum.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2013. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Patricia M. Greenfield (2013). The Changing Psychology of Culture from 1800 through 2000 [Abstract]. Psychological Science, 24, 1722-1731.

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