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Lernen von André Mata

Lohn der Kontemplation

14. November 2013

Vernunft schlägt Bauchgefühl. Das legen Ergebnisse eines Forscherteams um André Mata nahe. Nachdenkende lösten logische Probleme souverän, und sie schätzten ihr Können korrekt ein. Intuitive lagen falsch und überschätzten sich. Die Forscher schlussfolgern, dass die Vernunft auf einer höheren Stufe anzusiedeln ist, auf der man sowohl intuitive als auch rationale Lösungsmöglichkeiten überblickt.

Sinnend versus intuitiv

André Mata forscht an der Universität Heidelberg zu Metakognitionen, also Gedanken über eigene Gedanken (z.B. „Ich bin mir sicher, dass meine gefundene Lösung richtig ist.“). In einer neuen Studie, die im Journal of Personality and Social Psychology abgedruckt ist, hat er zusammen mit Kollegen untersucht, was Nachdenkende und Intuitive über sich denken.

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Nachdenkende gingen ein Problem eher rational und langsam an, Intuitive eher aus dem Bauch heraus und schnell. In den sieben Einzeluntersuchungen, die André Mata, Mário Ferreira und Steven Sherman durchführten, wurden die Eigenschaften „nachdenkend“ und „intuitiv“ an einer logisch-mathematischen Herangehensweise festgemacht.

Logikparadies: Rechnen, raten, reüssieren

Rechnen. Folgendes Problem wurde vorgegeben (S. 371).

„Ein Schläger und ein Ball kosten zusammen 110 Cent. Der Schläger kostet 100 Cent mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball?“

Als „nachdenkend“ wurde jemand eingeschätzt, der die korrekte Lösung fand (x + 100 ct + x = 110 ct, x = 5 ct). Als „intuitiv“ galt jemand, der nicht auf diese Lösung kam, sondern eine intuitiv naheliegende wählte (z.B. x + 100 ct = 110 ct, x = 10 ct).

Basisraten. Ein weiteres Problem war:

„In einer Studie wurden 100 Leute geprüft. 5 von ihnen waren 16 Jahre alt, 95 von ihnen 40 Jahre. Joana, eine zufällig gewählte Teilnehmerin der Studie hört Techno- und Electro-Musik, trägt enge Pullis und Jeans, geht gerne tanzen und hat ein Nasenpiercing. Wie alt ist Joana wahrscheinlich, 16 oder 40?“

Wenn man die Basisraten berücksichtigte und „40“ angab, war man „nachdenkend“. Wenn man intuitiv nach dem Lebensstil ging und „16“ wählte, war man „intuitiv“.

Syllogismen. Schließlich lautete ein korrekter Syllogismus:

„Alle Säugetiere können laufen. Wale sind Säugetiere. Also können Wale laufen.“

Wenn man diesen logischen Schluss entgegen der Erfahrung als richtig einschätzte, galt man als „nachdenkend“. Wenn man diesen intuitiv als falsch einstufte, als „intuitiv“.

In sieben Tests wurden jeweils 46 bis 86 Studenten überprüft, ob sie eher Nachdenkende oder Intuitive waren. In drei dieser Tests wurden sie ausdrücklich aufgefordert nachzudenken, um abwägend doch noch auf die korrekte Antwort zu kommen. Außerdem sollten die Teilnehmer angeben, ob sie von ihrer Antwort überzeugt waren, wie gut sie die eigene Antwort im Vergleich zu denen der anderen einschätzten, ob sie dessen gewahr wurden, dass es sowohl falsche (intuitive) als auch richtige (überlegte) Antworten geben konnte und wie überzeugt sie von ihrer Antwort waren. Das alles waren die Metakognitionen zu ihrem nachdenkenden oder intuitiven Denkstil.

Rares Nachdenken, viele Schnellschüsse

In den sieben Durchläufen gab es beim Rechnen mehr Intuitive (39 bis 43 Prozent) als Nachdenkende (17 bis 21 Prozent), beim Problem der Basisraten deutlich mehr Intuitive (57 Prozent) als Nachdenkende (13 Prozent), beim Problem der Syllogismen mehr Nachdenkende (42 Prozent) als Intuitive (15 Prozent). Insgesamt gesehen überschätzten sich die Intuitiven (mit falscher Antwort) deutlich, die Nachdenkenden (mit korrekter Antwort) schätzten sich angemessen ein.

Intuitive überschätzten sich und waren sich dabei unsicher:

Nachdenkende schätzten ihre Leistung richtig ein und waren sich sicher:

Geist als veredelte Intuition

Die Autoren schlussfolgern, dass der sinnende Geist so etwas wie veredelte Intuition ist. Zunächst ist letztere da. Man ist geneigt, entsprechend seiner Erfahrung schnell zu reagieren. Dann blitzt Vernunft auf, und man sieht, dass es eine korrekte Antwort jenseits der Intuition gibt. Erst auf dieser Stufe erkennt man, dass es zwei Lösungen gibt, einen falschen Schnellschuss und eine wohldurchdachte Problemlösung. Wenn Vernunft und Bauchgefühl auf einer Stufe lägen und austauschbar wären, hätten die Intuitiven gleichzeitig auch die korrekte Lösung sehen und sich intuitiv für die inkorrekte entscheiden müssen, was sie aber nicht taten.

Ist Vernunft nun besser als das Bauchgefühl? Bei logischen Problemen allemal, für die es eine korrekte Lösung gibt, wie die Autoren betonen (S. 369):

„Wenn es einen Konflikt zwischen Logik und Intuition gibt und die logisch ersonnene Lösung besser ist als die intuitive, dann sind intuitiv Antwortende inkompetent und unwissend (sie wissen es nicht, und sie wissen nicht, dass sie es nicht wissen), wohingegen Nachdenkende kompetent und wissend sind (sie wissen es, sie wissen, dass sie es wissen, und sie wissen, dass es andere wohl nicht wissen).“

Der Lohn der Kontemplation: Wenn man all das reiflich überlegt, was bei der täglichen Arbeit Zahlen oder Logik betrifft, ist man auf dem sicheren Pfad. Eine intuitive Herangehensweise führt dabei häufig zu Fehlschlüssen und falschen Entscheidungen.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2013. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

André Mata (University of Heidelberg), Mário B. Ferreira (University of Lisbon) & Steven J. Sherman (Indiana University, Bloomington). (2013). The Metacognitive Advantage of Deliberative Thinkers: A Dual-Process Perspective on Overconfidence [Abstract]. Journal of Personality and Social Psychology, 105 (3), 353-373.

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