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Lernen von Philip Roth

Vorstellungsgespräche erfassen das Denkvermögen

30. Oktober 2013

Philip Roth und Allen Huffcutt zeigen in einer zusammenfassenden Auswertung mehrerer Originalstudien, dass in Vorstellungsgesprächen vor allem das Denkvermögen erfasst wird. Geistige Fähigkeiten sagen maßgeblich den Gesprächserfolg und auch den späteren Berufserfolg vorher. Im Einstellungsinterview sollte man daher vor allem Wert auf klares, umsichtiges Denken legen.

Geistige Fähigkeiten und Vorstellungsgespräch

Philip Roth lehrt Organizational Behavior an der Clemson University in South Carolina. Sein Spezialgebiet sind Metaanalysen, in denen die Ergebnisse bisheriger Studien rechnerisch zusammengefasst werden. Damit kann man sich einem übergreifenden, allgemein gültigen Wert besser annähern.

Diesmal hat er sich zusammen mit Allen Huffcutt die Beziehung zwischen der Bewertung, die Bewerber in einem Vorstellungsgespräch erzielen, und ihren geistigen Fähigkeiten genauer angeschaut. Dazu haben sie eine Metaanalyse eines anderen Forscherteams neu ausgewertet, die nicht ganz schlüssig war. Mit ihrer Neuauswertung liefern sie einen wichtigen Beitrag dazu, die Qualität bisheriger Forschungsarbeiten zu überprüfen. Veröffentlicht ist sie im Journal of Personnel Psychology.

Ausgangspunkt war, dass der allgemeine Zusammenhang zwischen Erfolg im Vorstellungsgespräch und geistigen Fähigkeiten, den das andere Forschungsteam um Christopher Berry 2007 mit r = 0,27 feststellte, deutlich unter Zusammenhangsmaßen anderer Arbeiten von r = 0,40 lagen. Die Korrelation r ist ein Zusammenhangsmaß; ab 0,1 spricht man von kleinen Zusammenhängen, ab 0,3 von mittleren und ab 0,5 von großen Effekten.

Ergebnis: geistige Fähigkeiten sind in Vorstellungsgesprächen wichtig

Die Neuanalyse der 2007er-Studie ergab, dass die Forscher damals nicht nur Vorstellungsgespräche in Unternehmen, sondern auch solche einbezogen, die an Hochschulen zur Aufnahme von Studierenden eingesetzt wurden. Außerdem wurden Originalstudien hinzugezogen, die methodische Schwächen hatten. Schließlich musste der Aspekt berücksichtigt werden, dass Kandidaten eines Vorstellungsgesprächs zuvor schon ein anderes Testverfahren durchlaufen hatten und damit eine Vorauswahl vorlag.

Nachdem alle diese Punkte korrigiert wurden, ergab sich über 12 Einzelstudien hinweg mit insgesamt 3.824 Teilnehmern ein durchschnittlicher Zusammenhang zwischen Interviewerfolg und Intellekt bei Bewerbern in Unternehmen von r = 0,42. Die Forscher schlussfolgern (S. 164):

„Die korrigierte Korrelation von 0,42 legt als Punktschätzung nahe, dass in Einstellungsinterviews in mittelstarkem Maße Unterschiede erfasst werden, die auf geistige Fähigkeiten zurückgehen. […] Die gegeneinander abgewogenen Belege zeigen also, dass viele Interviews im Arbeitskontext mittelstarke Beziehungen zum Denkvermögen haben. Dieses Ergebnis stimmt mit unserer Annahme überein, dass kognitive Fähigkeiten in Vorstellungsgesprächen besonders wichtig sind.“

Wert auf Denkvermögen legen

Die Autoren führen näher aus, weshalb der Intellekt in Bewerbungsgesprächen so wichtig ist:

1. Interviewfragen erfassen meistens direkt das Denkvermögen. In strukturierten Interviews werden häufig Informationen, Ansätze zur Problemlösung oder Lernverhalten abgefragt – alles Dinge, bei denen man nachdenken muss.

2. Geistige Fähigkeiten machen eloquenter. Unabhängig vom Inhalt der Antworten ist es wahrscheinlicher, dass man die Fragen besser versteht, bisherige Erfahrungen in die Antworten einfließen lässt und schneller antworten kann, wenn man umsichtig denkt.

3. Mit Scharfsinn präsentiert man sich besser. Man kann sich besser ins rechte Licht rücken, wenn man rasch die Situation überblickt und alles analysieren kann.

In der Studie wird also ganz nüchtern festgestellt, dass Denkfähigkeit einer der wesentlichen Faktoren ist, mit denen Bewerber im Vorstellungsgespräch punkten können. Damit steht sie nebulösen Aussagen gegenüber, Bewerbergespräche erfassten vor allem „die Chemie“ oder ein wie auch immer geartetes Charisma des Bewerbers, und es sei nötig, sich darauf zu konzentrieren.

Konzentrieren sollte man sich lieber auf zweierlei: 1) Einstellungsgespräche mit nachvollziehbaren, für alle Bewerber gleichen Fragen zu strukturieren und 2) Wert auf klares, umsichtiges und gut begründetes Denken seitens des Bewerbers zu legen. Gespräche, die mit dieser Haltung durchgeführt werden, sagen den späteren Berufserfolg deutlich (mit r = 0,48) und noch besser mit einem zusätzlich eingesetzten Testverfahren (mit r = 0,60) vorher, wie die Autoren betonen.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2013. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Philip L. Roth (Department of Management, Clemson University) & Allen I. Huffcutt (Department of Psychology, Bradley University). (2013). A Meta-Analysis of Interviews and Cognitive Ability: Back to the Future? [Abstract]. Journal of Personnel Psychology, 12 (4), 157-169.

Christopher M. Berry, Paul R. Sackett & Richard N. Landers (2007). Revisiting Interview–Cognitive Ability Relationships: Attending to Specific Range Restriction Mechanisms in Meta-Analysis [Abstract]. Personnel Psychology, 60 (4), 837-874.

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