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Lernen von Martin Obschonka

Anderer Landstrich, anderer Unternehmergeist

14. August 2013

Ein Forscherteam um Martin Obschonka von der Universität Jena hat regionale Unterschiede in der Ausprägung der Unternehmerpersönlichkeit in den USA, Deutschland und Großbritannien untersucht. Besonders viel Unternehmergeist gab ihren Analysen zufolge im Westen und Süden der USA, in Berlin, Hamburg und Bayern sowie im Osten Englands und in London. Das regionale Profil der Unternehmerpersönlichkeit war entscheidend, ob eine Region florierte oder nicht.

Profil der Unternehmerpersönlichkeit untersucht

Der Psychologe Martin Obschonka forscht an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Unternehmertum. Er und seine Forscherkollegen haben sich in einer neuen Studie die regionale Verteilung der Unternehmerpersönlichkeit angesehen. Sie wurde im Journal of Personality and Social Psychology veröffentlicht.

Unter Unternehmerpersönlichkeit verstanden die Forscher ein bestimmtes Profil mehrerer Eigenschaften, die eng mit unternehmerischen Tätigkeiten wie Firmengründung oder Führung zusammenhingen. Sie legten die wichtigsten fünf Persönlichkeitsmerkmale, die sogenannten Big Five, zugrunde. Danach waren erfolgreiche Unternehmer:

Für jede untersuchte Person berechneten die Forscher, in welchem Maß ihre Persönlichkeit mit diesem Idealprofil übereinstimmte. Dann errechneten sie ein durchschnittliches unternehmerbezogenes Persönlichkeitsprofil für alle US-Bundesländer, für die deutschen Bundesländer und für britische Regionen. Schließlich schauten sie, inwieweit diese regionalen Unternehmerprofile mit unternehmerischen Aktivitäten in den Landesteilen zusammenhingen.

In ihre Analyse flossen die Persönlichkeitsprofile von 619.397 US-Amerikanern, 19.842 Deutschen und 15.617 Briten ein, deren Persönlichkeitseigenschaften zwischen 2003 und 2011 erfragt wurden. Als unternehmerische Aktivitäten wurden Firmengründungen und Selbstständigkeit erfasst.

Unternehmerpersönlichkeit regional unterschiedlich verteilt

Regionale Unterschiede der Unternehmerpersönlichkeit in den USA. Die deutlichsten Unternehmerprofile fanden sich im Westen und im Süden der USA, vor allem in Colorado, Utah oder South Dakota. Am schwächsten war die Unternehmerpersönlichkeit im sogenannten „Rostgürtel“ der früheren Stahlindustrie in Ohio und Indiana oder im Staat Mississippi ausgeprägt. Diese Persönlichkeitswerte korrespondierten mit der Rate an Unternehmensgründungen oder selbstständiger Tätigkeit in den Regionen: in Bundesstaaten mit vielen Unternehmerpersönlichkeiten gab es auch mehr Firmengründungen. Diese Zusammenhänge waren weitestgehend unabhängig vom Bruttoinlandsprodukt oder von der Arbeitslosigkeit, was darauf schließen lässt, dass (kulturell vermittelte) Persönlichkeit einer der stärksten Treiber für wirtschaftliche Prosperität war. Warum gab es im Süden und Westen mehr geborene Unternehmer? Die Forscher führen das darauf zurück, dass dort die Werte der frühen Siedler weiterlebten, die mit viel Unternehmergeist in den Westen zogen und eine neue Existenz aufbauten. In der Region der früheren Stahlindustrie lebte hingegen die Angestelltenmentalität der abhängig Beschäftigten weiter.

Zusammenspiel von Persönlichkeit und Wirtschaftsklima. Die Forscher erfassten auch das wirtschaftliche Klima in den einzelnen US-Bundesstaaten. Ein gutes Klima war gegeben, wenn etwa der Bankensektor gut aufgestellt war, man leicht an Kapital kommen konnte, die Infrastruktur ausgebaut war und es viele Bildungsmöglichkeiten gab. Hier wurde ein Zusammenspiel von Persönlichkeit und Wirtschaftsklima festgestellt. Vorherrschende unternehmerische Persönlichkeitseigenschaften in einer Region konnten sich besonders gut durchsetzen, wenn das Wirtschaftsklima gut war. Das ist kein überraschendes Ergebnis, aber wieder einmal ein Beleg dafür, wie wichtig eine gute regionale Wirtschaftspolitik ist, damit sich Unternehmerpersönlichkeiten entfalten und ganze Städte beflügeln können.

Regionale Unterschiede der Unternehmerpersönlichkeit in Deutschland. Die Top-Five-Bundesländer mit den meisten Unternehmerpersönlichkeiten waren Berlin, Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Bayern. Auch hier hingen die regionalen Persönlichkeitsausprägungen maßgeblich mit dem Anteil an selbstständiger Tätigkeit zusammen. Überrascht waren die Forscher davon, dass die Unternehmerpersönlichkeit in Sachsen am schwächsten ausgeprägt war, obwohl das Land traditionell immer eine starke Industrieregion war. Sie erklären es damit, dass es mehrere Wellen der Abwanderung von unternehmerisch denkenden Personen gab: nach Ende des zweiten Weltkriegs und nach dem Fall der Mauer. Außerdem wurden in sozialistischen Zeiten eher Werte der abhängigen Beschäftigung vermittelt.

Regionale Unterschiede der Unternehmerpersönlichkeit in Großbritannien. Hier waren die Regionen mit dem stärksten Unternehmergeist der Osten Englands, London, der Südosten und Südwesten Englands und Yorkshire. Auch hier hing die regionale Unternehmerpersönlichkeit wieder mit Aktivitätsmaßen zusammen: mit Firmengründungen und freiberuflicher Tätigkeit.

Persönlichkeitsprofil war aussagekräftiger als einzelne Eigenschaften. Schließlich fanden die Psychologen noch heraus, dass das gesamte Profil der fünf Unternehmereigenschaften – starke Extraversion, Gewissenhaftigkeit, Offenheit, schwache(r) Neurotizismus und Verträglichkeit – die Wirtschaftskraft besser vorhersagte als einzelne dieser Eigenschaften. Extraversion beispielsweise hing teilweise positiv mit Unternehmensgründungen zusammen, teilweise aber auch gar nicht. Das gesamte Eigenschaftsprofil hingegen war in allen Ländern und Regionen ein guter Indikator für beherztes unternehmerisches Handeln.

Verorteter Unternehmergeist

Die Studie erhellt in einzigartiger Weise, dass es so etwas wie einen zu verortenden Unternehmergeist gibt. Dieser wird teils von Generation zu Generation „vererbt“, teils kulturell vermittelt. Die Forscher nennen das „sozioökologische Perspektive der Persönlichkeit“, da letztere nicht gleichverteilt ist, sondern von Umgebungsbedingungen abhängt. Die Forscher stellen fest (S. 118):

„Erstaunlicherweise hat die Forschung zu regionalem Unternehmertum die maßgebliche Rolle regionaler Persönlichkeitsunterschiede grandios vernachlässigt, obwohl die Persönlichkeit immer ein zentrales Thema der Unternehmensforschung war.“

Sie fordern daher, dass diese regionalen Persönlichkeitsunterschiede bei Wirtschaftsanalysen stärker berücksichtigt werden.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2013. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Martin Obschonka, Eva Schmitt-Rodermund, Rainer K. Silbereisen (Friedrich-Schiller-University Jena), Samuel D. Gosling (University of Texas at Austin) & Jeff Potter (Atof Inc., Cambridge, Massachusetts). (2013). The Regional Distribution and Correlates of an Entrepreneurship-Prone Personality Profile in the United States, Germany, and the United Kingdom: A Socioecological Perspective [Abstract]. Journal of Personality and Social Psychology, 105 (1), 104–122.

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