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Lernen von Michael Robinson

Wer häufig schlecht gelaunt ist, will von allem Abstand nehmen

15. Juli 2013

Wer allgemein schlechte Laune hat, will sich von Ereignissen und Objekten distanzieren. So das Ergebnis einer Forschergruppe um Michael Robinson. Die Wissenschaftler überprüften, welchen Abstand Schlechtgelaunte im Vergleich zu Gutgelaunten bevorzugten. Dieser war bei ersteren meistens größer. Die Abstandswahrnehmung wäre damit ein Ansatzpunkt, wie Schlechtgelaunte ihre Zusammenarbeit im Team verbessern könnten.

Neurotizismusforschung

Michael Robinson lehrt Sozialpsychologie an der North Dakota State University. Er untersucht zum Beispiel, wie sich die Persönlichkeit eines Menschen auf seine tagtäglichen Erfahrungen auswirkt. Zusammen mit einem Forscherteam hat er jetzt Neurotizismus unter die Lupe genommen und eine Experimentalreihe im Journal of Personality and Social Psychology veröffentlicht.

Neurotizismus – auch emotionale Instabilität oder Hang zu schlechter Laune genannt – ist ein relativ überdauerndes Persönlichkeitsmerkmal. Mit diesem Merkmal hängen weitere Eigenschaften zusammen, die vor allem beim Zusammenarbeiten mit anderen stören. Schlechtgelaunte:

Michael Robinson und seine Forscherkollegen nehmen an, dass Neurotizismus für eine allgemeine Vermeidungshaltung steht. Betroffene wollen Ereignissen lieber aus dem Weg gehen und Abstand zwischen sich und die Situation bringen. Wenn dem so ist, sollten Schlechtgelaunte den zeitlichen Abstand zu einem Ereignis oder den räumlichen Abstand zu einem Objekt generell vergrößern wollen.

Diese Annahme überprüften sie in fünf Experimenten. In zwei Untersuchungen schauten sie, wie neurotische und weniger neurotische Studenten auf eine Terminverlegung reagierten. In zwei Experimenten prüften sie ihre räumliche Wahrnehmung. In der letzten Untersuchung testeten sie, ob Abstandsliebende schlechter gelaunt waren. Die Ergebnisse:

Schlecht drauf, großer Abstand

Schlechtgelaunte schoben Ereignisse zeitlich weiter von sich. Fragte man, was der zweideutige Satz: „Das Meeting nächste Mittwoch ist um zwei Tage vorgerückt.“ Bedeute (S. 909), so antworteten die Gutgelaunten, der Termin finde eher statt, die Schlechtgelaunten, der Termin finde später als Mittwoch statt. Dabei spielte es keine Rolle, ob diese Ereignisse positiv (z.B. ein Konzert) oder negativ waren (z.B. eine Operation). Immer schoben die Schlechtgelaunten das anstehende Ereignis zeitlich weiter von sich als Gutgelaunte.

Schlechtgelaunte nahmen größeren räumlichen Abstand wahr. Für sie hatte die Schriftgröße eines Wortes einen größeren Abstand zu einem Vergleichswort. Und Wörter bewegten sich schneller von ihnen weg als auf sie zu. Schlechtgelaunte registrierten also rascher einen räumlichen Abstand als eine Annäherung. Diesen Unterschied gab es bei Gutgelaunten nicht.

Abstandsliebende waren täglich schlechter drauf. Schließlich noch der umgekehrte Test: Sagte das räumliche Abstandnehmen auch die Stimmung vorher? In der Tat. Personen, die einen großen Abstand zwischen zwei Wortlängen sahen, schätzten sich in einem elektronischen Tagebuch, das 14 Tage lang geführt wurde, als „bekümmert“ und „nervös“ ein. Personen, die einen kleinen Abstand wahrnahmen, waren hingegen meist gut gelaunt.

Abhärtung gegen schlechte Laune

Die Autoren deuten an, dass es Personen, die häufig schlecht drauf sind, helfen könnte, wenn sie versuchen, ihre Abstandswahrnehmung zu verändern. Dies könnten zwei Wege sein:

Anreiz erhöhen. Neurotiker könnten sich die Frage stellen: Wird das Meeting wirklich so desaströs sein wie erwartet? Was wohl häufig verneint wird, da es vielleicht einige negative Aspekte (z.B. Zeitverschwendung) gibt, aber auch viele positive (z.B. direkter Meinungsaustausch). Der damit gegebene positive Anreiz führt zu mehr Annäherung und weniger schlechter Laune.

Abstand verringern. Ebenso wäre es denkbar, dass sich Neurotiker häufiger geringen Abständen aussetzen. Genauer: Termine möglichst dicht legen, häufiger mit unangenehmen Personen zusammenkommen. Diese Abhärtung kann dazu führen, dass man immer gelassener wird und damit besser gelaunt bleibt, wenn wieder negative Situationen auf einen zukommen.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2013. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Tianwei Liu (North Dakota State University), Scott Ode (Medica Research Institute, Minnetonka, Minnesota), Sara K. Moeller (Saint Xavier University) & Michael D. Robinson (North Dakota State University). (2013). Neuroticism as Distancing: Perceptual Sources of Evidence [Abstract]. Journal of Personality and Social Psychology, 104 (5), 907–920.

Neurotiker überraschen positiv

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