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Lernen von Niels J. van Doesum

Zuvorkommenheit

10. Juli 2013

Niels van Doesum hat zuvorkommendes Verhalten untersucht. Genauer: Wenn man für sich selbst etwas so auswählt, dass auch noch ein anderer volle Wahlfreiheit hat. Zuvorkommend waren vor allem jene, die an die Interessen des anderen denken sollten, und die von Ihrer Persönlichkeit her bescheiden oder sanftmütig waren.

Zuvorkommenheit: andere frei entscheiden zu lassen

Niels van Doesum promoviert an der Fakultät für Psychologie und Pädagogik der Freien Universität Amsterdam. Er interessiert sich dafür, wie Menschen die Bedürfnisse anderer berücksichtigen. Dazu hat er gerade zusammen mit dem Sozialpsychologen Paul van Lange und Dion van Lange die Experimentalreihe „Soziale Achtsamkeit: Können und Wollen, um in der sozialen Welt zu navigieren“ im Journal of Personality and Social Psychology veröffentlicht.

Mit dem etwas technisch klingenden Begriff der sozialen Achtsamkeit meinen die Forscher, dass damit die Interessen anderer berücksichtigt werden und man ihnen die Möglichkeit gibt, selbst frei zu entscheiden. Im Deutschen könnte man dafür wohl am besten das schöne Wort der Zuvorkommenheit nehmen.

Die Sozialpsychologen führten dazu sieben Experimente durch. Die Teilnehmer saßen vorm Computer und sollten eins von drei Objekten auswählen. Das waren drei gleiche Objekte, von denen sich eines in nur einem Merkmal von den anderen beiden unterschied (z.B. ein grüner Stift und zwei blaue Stifte). Die Teilnehmer wussten, dass nach ihnen eine andere Person unter den zwei verbliebenen Gegenständen wählen durfte. Wählten sie eines der beiden identischen Objekte, ließen sie damit auch der nächsten Person die Chance, zwischen dem grünen und blauen Stift zu wählen, sie waren zuvorkommend. Wählten sie den grünen Stift, den es nur einmal gab, schränkten sie die Wahlfreiheit des Nachfolgers ein und waren nicht zuvorkommend.

In den ersten drei Experimenten wurde diese Zuvorkommenheit getestet, nachdem es verschiedene Anweisungen gab, z.B. auf die eigenen Interessen oder die Interessen des anderen zu achten. In zwei Experimenten beobachteten die Teilnehmer eine fiktive Person namens Hans oder Chris, die die Gegenstände auswählten, und bewerteten sie danach. In einer Studie wurde geschaut, ob eine vertrauenerweckende Person die Teilnehmer sozialer werden ließ. Im letzten Experiment prüften die Forscher, ob Zuvorkommenheit mit verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen zusammenhing.

Rücksichtsvolle Persönlichkeit aktiviert

Die Aufforderung, an andere zu denken, machte zuvorkommend. Diejenigen, die die Aufforderung bekamen (S. 91): „Denken Sie auch an das Interesse der anderen Person.“, verhielten sich zuvorkommender (und wählten das Objekt, von denen es zwei gab). Jene, die die Aufforderung erhielten: „Denken Sie nur an Ihr eigenes Interesse.“, verhielten sich nicht zuvorkommend (und wählten häufig das Objekt, das es nur einmal gab).

Zuvorkommende Personen wurden mehr gemocht. Wenn man das Wahlverhalten der fiktiven Person Hans beobachten ließ, wurde Hans mehr gemocht, wenn er den Gegenstand wählte, den es zweimal gab und seinem fiktiven Nachfolger volle Wahlfreiheit zugestand.

Gegenüber vertrauenerweckenden Personen war man zuvorkommender. Gab man den Teilnehmern fiktive Bilder ihres Gegenübers zu sehen, das nach ihnen wählen sollte, waren sie zuvorkommender, wenn dieses Gegenüber vertrauenserweckend schien. Dann wurde eher das Objekt gewählt, das zweimal vorhanden war, z.B. der blaue Stift.

Eine zuvorkommende Persönlichkeit wurde deutlich. Diese zeichnete sich dadurch aus, dass die Teilnehmer 1) bescheiden, 2) empfindsam, 3) weniger dreist, 4) nicht gierig, 5) anpassungsfähig, 6) fair, 7) nicht nachtragend, 8) sanftmütig und 9) geduldig waren. Je weiter oben in dieser Rangreihe (also z.B. 1), desto stärker sagten diese Eigenschaften das zuvorkommende Wahlverhalten vorher. Außerdem waren die Teilnehmer zuvorkommender, wenn sie eher prosoziale Werte hochhielten und als eigennützige. Eine prosoziale Einstellung hatte jemand, der eine Balance zwischen eigenen Vorteilen und denen der anderen herzustellen versuchte. Eigennützig war jemand, der die eigenen Vorteile gegen die der anderen ausspielte oder gar ausblendete.

Goldene Regel des Lebens

Die Autoren sind von ihrer Achtsamkeitsstudie überzeugt (S. 100): „Wir haben den Nachweis erbracht, dass eine achtsame Berücksichtigung der Bedürfnisse und Interessen anderer zu einem Verhalten führen kann, mit dem die Situation nicht ausgeblendet, sondern vielmehr anderen die Kontrolle über ihre eigenen Entscheidungen gegeben wird.“

In der Tat hing die zuvorkommende Wahl von Objekten mit Hilfsbereitschaft oder Bescheidenheit zusammen. Aber ob dies wirklich ein Akt unvoreingenommener Achtsamkeit war, bleibt fraglich. Die Forscher haben ihre Teilnehmer noch nicht mal gefragt, wie sie selbst ihre Objektwahl sahen. Vielleicht fanden die meisten nur die Farbe Blau schön oder meinten, sich bei den Experimenten von ihrer besten Seite zeigen zu müssen. Dazu hätte die einfache Frage genügt: „Haben Sie ihr Objekt so ausgewählt, um dem anderen etwas Gutes zu tun?“ Leider scheint es mit der sozialen Achtsamkeit der Forscher nicht weit her zu sein, wenn sie ihre Probanden nur vor den Computer setzen und nicht mit ihnen reden.

Das Verdienst der Studie ist sicherlich, wieder mal darauf hinzuweisen, wie wichtig die goldene Regel des Lebens ist: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst und tu ihm nicht an, was du selbst nicht möchtest.“ In Arbeitsteams kann dieses zuvorkommende Verhalten zu weit mehr führen als nur von anderen gemocht zu werden. Kollegen kommen zu Wort, Ideen werden aufgegriffen, echte Gemeinschaft entsteht.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2013. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Niels J. Van Doesum (VU University Amsterdam), Dion A. W. Van Lange (Vossius Gymnasium) & Paul A. M. Van Lange (VU University Amsterdam). (2013). Social Mindfulness: Skill and Will to Navigate the Social World [Abstract]. Journal of Personality and Social Psychology, 105 (1), 86–103.

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