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Lernen von Anja Baethge

Arbeitsunterbrechungen erschöpfen

9. Juli 2013

Anja Baethge und Thomas Rigotti von der Universität Mainz haben gerade ihren Abschlussbericht zu einem Projekt vorgelegt, in dem Arbeitsunterbrechungen bei Krankenpflegern untersucht wurden. Sowohl Unterbrechungen als auch Multitasking erschöpften. Außerdem litt dadurch die Arbeitsqualität. Gesundheitszirkel waren eine Möglichkeit, um im Team gegen diese Beeinträchtigungen anzugehen.

Unterbrechungen und Multitasking im Krankenhaus

Die Diplompsychologin Anja Baethge arbeitet am Lehrstuhl für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie der Universität Mainz. Im Auftrag der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat sie in einem Projekt Arbeitsunterbrechungen und Multitasking bei Krankenpflegern untersucht. Dazu hat sie gerade zusammen mit Thomas Rigotti den Abschlussbericht „Auswirkung von Arbeitsunterbrechungen und Multitasking auf Leistungsfähigkeit und Gesundheit“ vorgelegt.

Eine Arbeitsunterbrechung lag für die Forscher vor, wenn die Arbeit durch externe Auslöser ausgesetzt und erst später wieder aufgenommen wurde. Unterbrechungen, die eine Person selbst herbeiführte, schlossen sie in ihrer Studie aus, weil sie einen anderen Charakter hatten und zum Beispiel nicht unvorhergesehen auftraten. Multitasking wurde auch überprüft und war gegeben, wenn mehrere Aufgaben gleichzeitig bearbeitet werden mussten. Das Forschungsprojekt gliederte sich in drei Teile:

In der Vorstudie wurden 2010 16 Gesundheits- und Krankenpfleger aus 5 Krankenhäusern zu Arbeitsunterbrechungen interviewt und bei ihrer Arbeit beobachtet. Ziel war es, das Phänomen der Unterbrechungen möglichst genau zu erfassen und einen Fragebogen für die Hauptstudie zu entwickeln.

An der Hauptstudie nahmen 2010 insgesamt 145 Gesundheits- und Krankenpfleger aus 10 Krankenhäusern teil. Sie bekamen an fünf Tagen einen Minicomputer mit in die Frühschicht. Wenn dieser zufällig klingelte, mussten sie ein elektronisches Tagebuch zu ihren Arbeitsunterbrechungen ausfüllen. Außerdem beantworteten sie einmalig einen Fragebogen zu ihrer allgemeinen Arbeitssituation aus und nahmen an einem Computertest teil, der ihr Denkvermögen überprüfte.

In drei Krankenhäusern, die an der Hauptstudie teilnahmen, wurden 2011 alle zwei Wochen ein zweistündiger Gesundheitszirkel durchgeführt, der insgesamt sechsmal stattfand. In diesen moderierten Gruppensitzungen wurde die belastende Arbeit der Krankenpfleger besprochen und nach Verbesserungen gesucht. Die Teilnehmer bewerteten anschließend die Zirkel mit Fragebögen. Was kam heraus?

Erschöpft durch viele Unterbrechungen

Unterbrechungen wurden sofort bearbeitet. In der Vorstudie zeigte sich, dass Pflegekräfte während ihrer Schicht durchschnittlich 63 Mal unterbrochen wurden – vor allem durch andere Pfleger, durch Patienten oder das Telefon. Die Forscher fanden es „überraschend“, dass zum Großteil, nämlich in 72 Prozent der Fälle, die Unterbrechungen sofort bearbeitet und nicht aufgeschoben wurden (S. 23).

Unterbrechungen führten zu Erschöpfung und Leistungseinbußen. Wer in der Schicht häufig unterbrochen wurde, war nach Dienstschluss häufiger erschöpft und berichtete über eine geringere Arbeitsqualität. Die Autoren schreiben (S. 40): „Diese Ergebnisse belegen unseres Wissens erstmals, dass Arbeitsunterbrechungen eine auf Tagesebene wirkende Belastung darstellen.“ Interessanterweise konnten Ältere besser als Jüngere mit Unterbrechungen umgehen und waren am Abend weniger mitgenommen.

Auch Multitasking erschöpfte und wirkte sich negativ auf die Arbeitsqualität aus. Wenn die Krankenpfleger verschiedene Dinge gleichzeitig tun mussten, waren sie nach der Schicht erschöpft und berichteten über eine geringere Arbeitsqualität. Das Alter hatte hierbei keine puffernde Wirkung, sondern verstärkte die negativen Multitaskingeffekte. Ältere waren nach Paralleltätigkeiten erschöpfter als Jüngere.

Gesundheitszirkel reduzierten Multitasking und machten gesünder. Krankenpfleger, die an Gruppensitzungen zur Verbesserung ihrer Arbeitssituation teilnahmen, klagten danach weniger über Multitasking. Außerdem gaben sie im Vergleich zu Pflegern, die an diesen Sitzungen nicht teilnahmen, danach weniger Rückenschmerzen an. Anders als erwartet führten die Zirkel aber nicht zu weniger Unterbrechungen oder verbesserten die soziale Unterstützung. Obgleich die positiven Effekte der Gesundheitszirkel insgesamt klein waren, finden die Autoren, dass sie „aber durchaus praktische Relevanz besitzen“ (S. 64).

Tipps gegen Unterbrechungen

Ausgehend von den Gesundheitszirkeln empfehlen die Forscher Folgendes, um Unterbrechungen und Multitasking zu reduzieren:

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2013. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Anja Baethge & Thomas Rigotti (2013). Auswirkung von Arbeitsunterbrechungen und Multitasking auf Leistungsfähigkeit und Gesundheit: Eine Tagebuchstudie bei Gesundheits- und KrankenpflegerInnen (PDF). Dortmund: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA).

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