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Lernen von Richard E. Lucas

Es kann ruhig regnen

2. Juli 2013

Macht uns dieser verregnete Sommer unglücklich? Keineswegs, wie eine neue Studie von Richard Lucas und Nicole Lawless zeigt. In einer großen US-amerikanischen Erhebung mit über eine Million Teilnehmern kam heraus, dass tägliche Schwankungen von Temperatur, Niederschlag oder Bewölkung keine Auswirkungen auf die Lebenszufriedenheit hatten. Es kann also ruhig weiterregnen.

Glücksforscher als Wetterfee

Der Glücksforscher Richard Lucas ist Psychologieprofessor an der Michigan State University. Er erforscht die Voraussetzungen und Folgen des allgemeinen Wohlbefindens und der Lebenszufriedenheit (subjective well-being). Gerade hat er zusammen mit Nicole Lawless seine Studie „Kommt einem das Leben an einem sonnigen Tag besser vor?“ in der Mai-Ausgabe des Journal of Personality and Social Psychology veröffentlicht. Das Wetter als Lebensretter? Was zunächst wie ein Witz klingt, hat durchaus Tiefgang.

Denn wenn sich herausstellen sollte, dass tägliche Temperaturschwankungen Antworten in einem Fragebogen zur Lebenszufriedenheit beeinflussen, müsste man entweder den Zufriedenheitsbegriff oder das Instrument überdenken. Außerdem gibt es die weitverbreitete Ansicht, dass das Wetter durchaus gute Laune und Arbeitshaltung beeinflusse. Was stimmt also?

Um diese Frage zu beantworten, haben sich die Forscher die Daten des „Behavioral Risk Factor Surveillance System (BRFSS)“ angesehen. Das ist eine Langzeitbefragung des U.S. Centers for Disease Control and Prevention, mit der Gesundheitsfaktoren in den USA erhoben werden. Die Forscher schauten sich in den Erhebungen von 2005 bis 2009 die Antworten auf die Frage: „Wie zufrieden sind Sie im Allgemeinen mit Ihrem Leben?“, an und glichen diese dann mit den Wetterdaten der Region ab, in der die telefonisch befragte Person lebte.

Sie kamen damit auf die riesige Stichprobe von 1.071.290 Personen aus allen 50 Bundesstaaten der USA. Als Wetterdaten wurden Temperatur, Niederschlag, Bewölkung, Luftdruck, Windgeschwindigkeit und Luftfeuchtigkeit einbezogen.

Hitze, Regenguss, Wolkenberge – alles egal

Tägliche Wetteränderungen beeinflussten nicht die Lebenszufriedenheit. Keine der täglichen Witterungsbedingungen wie Temperatur oder Niederschlag hatten einen Einfluss auf die im Fragebogen angekreuzte Zufriedenheitsfrage. Wenn es regnete, war man nicht unglücklicher als bei Sonnenschein. Selbst Extremwetterlagen schlugen auf die Lebenszufriedenheit nicht durch.

Personen, die in wärmeren und sonnigeren Regionen wohnten, waren etwas zufriedener als jene in kälteren und wolkenreicheren Städten. Aber die Effekte waren äußerst klein und wohl nur deshalb zu finden, weil die Stichprobe so groß war. Deshalb gleich seinen Wohnsitz nach Florida zu verlagern, wäre also keine empfehlenswerte Maßnahme, um nachhaltig sein Leben zu verbessern.

Es gab noch einige unerklärliche Kontrasteffekte. So zeigte sich zum Beispiel, dass die Lebenszufriedenheit an einem wolkenverhangenen Tag größer war, wenn dieser einem sonnigen statt einem wolkigen Tag folgte. Eigentlich hätte man vermutet, dass die Stimmung bei einem so unerfreulichen Wetterwechsel abnehmen müsste. Außerdem fanden die Forscher einen Geschlechtereffekt hinsichtlich des Niederschlags. Männer waren unglücklicher, je mehr es regnete. Frauen waren glücklicher, je mehr Regen fiel. Allerdings waren diese Effekte wiederum sehr klein, weshalb sich die Wissenschaftler mit Deutungen zurückhalten. Sie resümieren (S. 882):

„Obwohl die Studie die Teststärke hatte, extrem kleine Zusammenhänge aufzuspüren, hatten tägliche Wetterveränderungen keinen Einfluss, und nur einige kleine Interaktionseffekte konnten ausgemacht werden. […] Es zeigten sich in dieser sehr großen Stichprobe also keine interpretierbaren oder praktisch bedeutsamen Auswirkungen des Wetters.“

Vom Gleichmut der Stubenhocker

Die allgemeine Lebenszufriedenheit zeigt, wie sehr jemand mit seinem privaten und beruflichen Leben im Reinen ist. Der Studie zufolge ist dieses Wohlbefinden davon unabhängig, egal ob es regnet, stürmt oder die Sonne scheint. An verregneten Sommertagen kann man also mit dem gleichen Gleichmut oder Ungestüm ins Büro gehen, wie man es sonst auch tut.

Noch eine Schwäche der Studie, die die Forscher selbst einräumen: Es konnten keine weiteren Einflussvariablen wie zum Beispiel Aktivitäten im Freien erhoben werden. Diejenigen, die häufig draußen waren, dürften wetterabhängiger gewesen sein. Außerdem könnten Interviewer an einem sonnigen Tag telefonisch nur die etwas niedergedrückten Stubenhocker erreicht haben, während sich die glücklicheren Aktiven im Freien aufhielten.

Die Daten, die erhoben wurden, zeigen jedoch sehr deutlich, dass Wetterschwankungen die Antworten auf Zufriedenheitsfragen nicht beeinflussen. Was für den Begriff der Lebenszufriedenheit spricht, die damit kein wankelmütiges Auf und Ab, sondern eher ein langfristig entstandenes Urteil sein dürfte.

Und allen, die mal wieder mit dem regenschweren Sommer hadern, sagt die Studie: Es kann ruhig regnen, wir werden dadurch nicht unglücklicher als wir ohnehin schon sind.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2013. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Richard E. Lucas (Michigan State University) & Nicole M. Lawless (University of Oregon). (2013). Does Life Seem Better on a Sunny Day? Examining the Association Between Daily Weather Conditions and Life Satisfaction Judgments [Abstract]. Journal of Personality and Social Psychology, 104 (5), 872–884.

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