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Lernen von Lotte van Dillen

Bei geistiger Anstrengung widersteht man Verlockungen

8. April 2013

Die Psychologin Lotte van Dillen und ihre Forscherkollegen haben herausgefunden, dass man bei geistiger Anstrengung besser Verlockungen widerstehen kann. In vier Experimenten zeigte sich, dass Teilnehmer, die sich eine schwierige Zahl merken mussten, leckeres Essen übergingen oder attraktive Porträts ausblendeten. Geistige Beschäftigung – z.B. über ein Problem nachdenken oder ein anregendes Gespräch führen – kann also ungesundem Essen oder Ablenkungen am Arbeitsplatz vorbeugen.

Geistige Anstrengung: Puffer oder Einfallstor für Versuchungen?

Lotte van Dillen ist Assistenzprofessorin für Psychologie an der niederländischen Universität Leiden. Sie forscht unter anderem zur Selbststeuerung. Dabei fragt sie sich, was überhaupt dazu führt, dass man Verlockungen wahrnimmt, die dann die ausgeklügeltsten Ziele außer Kraft setzen können.

Zu diesem Thema hat sie gerade zusammen mit ihren Kollegen Esther Papies und Wilhelm Hofmann im renommierten Journal of Personality and Social Psychology eine Experimentalreihe veröffentlicht. Bisherige Studien kamen zu dem Schluss, dass geistige Beanspruchung dazu führt, dass man schneller Versuchungen nachgibt. Lotte van Dillen und ihre Kollegen meinten aber, dass das nur gelte, wenn sich die Versuchung schon aufgebaut habe. Wenn man sich aber zuerst geistig beschäftige und dann erst verlockenden Reizen ausgesetzt sei, erliege man diesen seltener.

Diese Annahme überprüften sie in vier Experimenten. Die geistige Anstrengung bestand darin, während der Betrachtung verlockender Bilder (leckeres Essen oder schöne Menschen) Zahlen auswendig zu lernen. Insgesamt zeigten die Studien in der Tat, dass geistige Anstrengung Versuchungen vorbeugte.

Studie 1: Die Verlockung leckerer Speisen wurde ausgeblendet

Hier mussten die Versuchspersonen am PC Bilder mit Lebensmitteln einer bestimmten Position zuordnen – leckere (z.B. Brownie) und nicht so leckere (z.B. ein Rettich) Speisen. Einige Personen widerholten für sich währenddessen eine schwierige Zahl mit acht Ziffern, um sie nicht zu vergessen (geistige Anstrengung), einige mussten nur eine Zahl mit einer Ziffer behalten (geringe geistige Anstrengung). Ergebnis: Die Personen blendeten bei geistiger Anstrengung die Verlockung leckerer Speisen aus, betrachteten sie nicht länger als weniger appetitliche Lebensmittel, und konnten beide ähnlich schnell zuordnen. Ohne geistige Belastung waren die Reaktionszeiten für schmackhafte Speisen länger als für nicht so leckere.

Studie 2: Verlockende Wörter wurden entschärft

Hier sollten die Teilnehmer am PC Wörter zuordnen, die entweder geschmacklich verlockend („köstlich“, „lecker“) oder geschmacklich neutral („leben“, „außen“) waren. Angeregt wurde die Verlockung der Wörter durch vorher gezeigte Bilder von schmackhaften Nahrungsmitteln. Wenn man dabei aber eine schwierige Zahl lernen musste, wurden verlockende Wörter entschärft. Sie wurden dann nicht schneller zugeordnet als die neutralen Wörter. Ohne geistige Anstrengung regten die Lebensmittelbilder die Verarbeitung der Geschmackswörter an, die dadurch schneller zugeordnet wurden.

Studie 3: Vielesser griffen seltener zu ungesunden Snacks

Bei diesem Experiment schauten sich die Teilnehmer wieder Bilder von Lebensmitteln an. Danach kamen sie in einen Raum, in denen gesunde Snacks (z.B. Äpfel) und süße/ungesunde Häppchen (z.B. Marzipan) standen. Vielesser, die davor lange Zahlen behalten mussten, griffen hier seltener zu ungesunden Snacks als jene, die sich nichts merken mussten. Die geistige Beschäftigung verhinderte also, dass Personen, die Leckereien normalerweise leichter erlagen, das nicht mehr taten – obwohl sie anregenden Reizen ausgesetzt waren.

Studie 4: Männer erlagen seltener dem Reiz weiblicher Portraits

In dieser Studie mussten männliche Studenten Bilder attraktiver und weniger attraktiver Frauen ordnen. Wenn sie sich dabei komplizierte Zahlen merkten, erlagen sie seltener dem Reize der schönen Frauen. Attraktive und weniger attraktive Bilder konnten dann gleich schnell zugeordnet werden. Ohne geistige Anstrengung schauten sich die Studenten länger die hübschen Gesichter an.

Versuchungen ausgehebelt

Alle Studien zeigen also, dass geistige Beschäftigung die Verlockungen verschiedener Reize aushebelte. Leckere Speisen und attraktive Gesichter wurden eindeutig wahrgenommen. Aber bei der Verarbeitung ihrer verführerischen Eigenschaften wurde quasi auf Durchlauf geschaltet.

Diese geistige Beschäftigung sollte aber einsetzen, bevor ein verführerischer Reiz schon zum Verlangen geworden ist. Dann ist geistige Ablenkung eher hinderlich. Wer sich zuerst ausgiebig das Mittagsbuffet anschaut und sich später am Tisch unterhält, holt sich möglicherweise noch ein fürstliches Dessert. Wer sich schon am Buffet mit einem Kollegen angeregt unterhält, kann die Verlockungen des Buffets ausblenden und denkt erst gar nicht an Nachtisch.

Geistige Anstrengung – z.B. ein Problem durchdenken oder ein tiefgründiges Gespräch führen – kann also gegen Verlockungen immunmachen, die ständig drohen: ungesundes Essen, schädliche Genussmittel oder sich bei der Arbeit auf Facebook verlieren.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2013. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Lotte F. Van Dillen (Leiden University), Esther K. Papies (Utrecht University) & Wilhelm Hofmann (University of Chicago). (2013). Turning a Blind Eye to Temptation: How Cognitive Load Can Facilitate Self-Regulation [Abstract]. Journal of Personality and Social Psychology, 104 (3), 427–443.

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