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Lernen von Thomas Ng

Soziale Einbindung stresst

15. März 2013

Die Wirtschaftswissenschaftler Thomas Ng und Daniel Feldman haben herausgefunden, dass soziale Einbindung stresst. Sie fragten chinesische und US-amerikanische Manager nach ihrer Bindung zum Unternehmen und zu Freizeitgruppen. Je mehr sie sich Kollegen oder Freunden verbunden fühlten, desto mehr Konflikte hatten sie zwischen Arbeits- und Berufsleben. Vor allem Individualisten ging Bindung an die Nieren.

Soziale Einbindung

Soziale Einbindung (Embeddedness) ist das Ausmaß, mit dem man in Kontakt zu anderen Personen steht – entweder zu Mitarbeitern aus der eigenen Firma oder zu Freunden im privaten Umfeld. Diese Einbindung wird stärker wahrgenommen, je besser man zur jeweiligen Gruppe passt, je mehr Beziehungen man pflegt und je mehr es einem als Verlust erscheint, von dieser Gruppe getrennt zu sein.

Gemessen wird soziale Einbettung, indem Personen nach ihrer allgemein erlebten Bindung ans Unternehmen oder an eine Gemeinschaft in der Freizeit gefragt werden. Dabei sollen sie angeben, inwiefern zum Beispiel folgende Aussagen auf sie zutreffen (S. 1239):

Stresst Einbindung oder nicht?

Bisher kamen viele Forscher zu dem Ergebnis, dass soziale Einbindung Stress vorbeugt, weil man andere um Hilfe bitten kann und seine Arbeit so schneller erledigen kann. Thomas Ng von der University of Hong Kong und Daniel Feldman vermuteten aber, dass Bindung genauso gut stressen kann. Denn die Arbeit nimmt umso mehr zu, je mehr Personen es werden, mit denen man sich austauscht.

Also überprüften sie diese beiden sich widersprechenden Annahmen in einer Untersuchung, die im Journal of Applied Psychology veröffentlicht wurde. Sie begleiteten 250 US-amerikanische und 165 chinesische Manager 10 Monate lang und befragten sie online zu ihrer beruflichen und privaten Einbindung und zu Konflikten zwischen Arbeits- und Familienleben.

Diese Konflikte wurden danach unterschieden, ob berufliche Belastungen das Familienleben beeinträchtigten (Arbeit→Familien-Konflikte) oder andersherrum, ob Familienstress zu beruflichen Problemen führte (Familie→Arbeits-Konflikte). Außerdem fragten sie die Führungskräfte danach, ob sie Individualisten waren und lieber allein statt in einer Gruppe arbeiteten. Was kam heraus?

Stärkere Bindung, mehr Konflikte

Berufliche Bindung führte zu mehr Konflikten, aber für Chinesen und US-Amerikaner auf unterschiedliche Weise. Bei Chinesen häufte sich durch die Bindung ans Unternehmen die Arbeit und es kam infolge dessen zu familiären Konflikten. Bei Amerikanern kriselte es häufiger in der Familie und es gab dadurch mehr Konflikte bei der Arbeit.

Private Bindung führte ebenfalls zu mehr Konflikten, bei Chinesen und US-Amerikanern in gleicher Weise. Beide Konfiktarten häuften sich durch starke private Bindung bei allen Untersuchten:

Individualismus verstärkte die Konflikte, die mit Bindung einhergingen. Personen, die lieber allein arbeiteten, litten besonders unter vielen Kontakten im Unternehmen oder in der Freizeit. Sie berichteten dann über viele Konflikte zwischen Arbeit und Familie.

Heilsame Grenzen ziehen

Die Schlussfolgerung der Autoren ist etwas umständlich (S. 1247):

„Arbeitnehmern soll bei ihren Arbeits-Familien-Konflikten geholfen werden, wenn sie stärker ans Unternehmen gebunden werden.“

Das sei die beste Personalstrategie. Warum aber sollten Mitarbeiter überhaupt stärker an die Firma gebunden werden, wenn dadurch Probleme entstehen?

Die Ergebnisse legen vielmehr nahe, dass man eine heilsame Grenze zwischen Heim und Arbeitslatz ziehen muss. Vielleicht gehört die Zukunft diesen abgeklärten Mitarbeitern, die sich nicht in Begeisterung fürs Unternehmen verzehren und dadurch gesund und handlungsfähig bleiben.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2013. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Thomas W. H. Ng (University of Hong Kong) & Daniel C. Feldman (University of Georgia). (2012). The Effects of Organizational and Community Embeddedness on Work-to-Family and Family-to-Work Conflict [Abstract]. Journal of Applied Psychology, 97 (6), 1233–1251.

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