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Lernen von Marianne Bertrand

Bedrohliche Hauptverdienerinnen

20. Februar 2013

Eine Forscherinnengruppe um Mariane Bertrand hat herausgefunden: Paare vermeiden es offenbar, dass die Frau mehr verdient als der Mann. Am häufigsten streben beide an, dass er mehr verdient als sie. Wenn die Frau Hauptverdienerin ist, wirkt das bedrohlich, es gibt mehr Streit und Scheidungen. Besserverdienende Frauen arbeiten dann sogar mehr im Haushalt, um dadurch den Partner zu besänftigen.

Geschlechterrolle und Haushaltskasse

Marianne Bertrand ist Wirtschaftsprofessorin an der Chicago Booth School of Business. Sie forscht zum Arbeitsmarkt und zur Unternehmensfinanzierung. Gerade hat sie zusammen mit Emir Kamenica und Jessica Pan in einem Arbeitspapier Ergebnisse zu Einkommensunterschieden von Männern und Frauen in Paarbeziehungen vorgelegt.

Ihre Annahme war, dass sich Geschlechterrollen bis heute auf die Einkommensverteilung von Partnern auswirken. Es gilt die Erwartung, dass der Mann mehr verdienen sollte als die Frau. Wenn es umgekehrt ist, gefährdet das die harmonische Zweisamkeit, der Haussegen hängt schief. Die Frau als bedrohliche Hauptverdienerin? Ließe sich das mit Daten erhärten?

Die Forscherinnen werteten dazu mehrere Umfragen des US-amerikanischen Bureau of the Census aus, die zwischen 1970 und 2010 durchgeführt wurden. Insgesamt zeigte sich in der Tat: Paare vermeiden es, dass die Frau mehr verdient als der Mann. Im Einzelnen:

Paare vermeiden es, dass die Frau mehr verdient als der Mann

Bei den meisten Paaren verdient der Mann mehr als die Frau. Beziehungen, bei denen die Frau mehr als der Mann verdient, sind viel seltener anzutreffen.

Wenn eine Frau mehr verdient als der Mann, ist es unwahrscheinlich, dass sie heiraten. Das höhere Einkommen der Frau ist also ein Hemmschuh, um sich zu binden. In den USA heirateten 2010 lediglich 51 Prozent der jungen Erwachsenen, 1970 waren es noch 81 Prozent. Die Forscherinnen zeigten, dass diese abnehmende Heiratsrate zu einem Fünftel durch die Abneigung erklärt wird, die Paare vor dem höheren Einkommen der Frau haben.

Je weniger eine Frau im Vergleich zum Mann verdient, desto eher arbeitet sie. Sobald sich ihr Einkommen dem des Mannes annähert, nimmt sie seltener am Erwerbsleben teil. Ein höheres Einkommen der Frau wirkt also wie eine Kündigung. Außerdem bleiben erwerbstätige Frauen meistens deutlich unter dem, was sie durchschnittlich verdienen könnten.

Wenn die Frau mehr als der Mann verdient, ist das Paar seltener glücklich. Außerdem streiten die beiden häufiger und das Risiko steigt, dass sie sich scheiden lassen.

Wenn eine Frau mehr als ihr Mann verdient, macht sie mehr Hausarbeit. Sie verbringt mehr Zeit als ihr Mann damit, um zu putzen, die Kinder zu versorgen, Essen zuzubereiten. Die Autorinnen sagen (S. 4): Damit will die „‚bedrohliche‘ Frau, die mehr verdient, ihren Partner besänftigen“. Letztlich kann diese Mehrbelastung der Frau ein Grund für eine Scheidung sein.

Rollenbilder wurden nicht abgefragt

Die Forscherinnen haben also gezeigt, dass Paare einen Bogen um ein hohes Gehalt der Frau machen. Damit werden die Chancen der Frau beschnitten, ihren Fähigkeiten entsprechend bezahlt zu werden. Die Annahme, dass dabei bestimmte Geschlechterrollen wirken, ist naheliegend, aber nicht zwingend.

Gehaltsunterschiede von Männern und Frauen könnten auch darauf zurückzuführen sein, dass Frauen häufiger hart arbeitende Familienmanagerinnen sind und dafür schlecht bis gar nicht bezahlt werden. Gesellschaftliche Zwänge wären dann ausschlaggebend, nicht unbedingt bestimmte Denkmuster.

Wenn man Rollenbilder oder Erwartungen dafür verantwortlich machen will, müsste man Frauen und Männer danach fragen. Das haben die Forscherinnen leider nicht getan.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2013. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Marianne Bertrand, Emir Kamenica, and Jessica Pan (2013). Gender identity and relative income within households [PDF]. Chicago, IL: University of Chicago Booth School of Business.

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