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Lernen von Aneeta Rattan

Kann jeder so intelligent wie Einstein werden?

6. Februar 2013

Eine Forschergruppe um Aneeta Rattan von der Universität Stanford hat die Überzeugung untersucht, jeder Mensch könne hochintelligent werden, wenn er nur eine gute Ausbildung bekomme und fleißig sei. US-Amerikaner glaubten das seltener als Inder. Diejenigen, die es glaubten, waren eher bereit, Benachteiligte und Minderheiten zu fördern. Die Überzeugung vom geistigen Potenzial ist also überall dort maßgeblich, wo Ressourcen verteilt werden: in der Schule, an der Universität, im Beruf.

Intelligent werden, intelligent sein

Die Psychologin Aneeta Rattan forscht an der Universität Stanford zu kulturbedingten Vorurteilen. Einen dieser inneren Glaubenssätze hat sie sich jetzt zusammen mit ihren Kolleg(inn)en Krishna Savani, N. V. R. Naidu und Carol S. Dweck genauer angesehen: die Überzeugung, dass alle Menschen oder nur sehr wenige hochintelligent werden könnten.

In ihrer Studie ging es nicht darum, ob jeder Mensch faktisch dieses Potenzial zu geistigen Höchstleistungen hat. Das ist auch nach über hundert Jahren Intelligenzforschung umstritten. In ihrer Studie fragten die Forscherinnen nach der eigenen Überzeugung zu diesem Potenzial, weil eine Überzeugung bekanntlich ein ganzes Leben verändern kann.

Dieser Allgemeingültigkeitsgedanke hoher Intelligenz ist also die Überzeugung, ob Menschen ein angeborenes Potenzial zu geistigen Höchstleistungen haben. Er kann zwei Ausprägungen haben:

Neben diesem Allgemeingültigkeitsgedanken gibt es noch einen Veränderlichkeitsgedanken zur Intelligenz. Dieser besagt, ob Intelligenz festgeschrieben ist oder sich im Laufe des Lebens verändern kann mit zwei Ausprägungen:

Auch diesen Gedanken untersuchten die Psychologinnen. Sie führten insgesamt sechs einzelne Untersuchungen durch. Dabei befragten sie Inder und US-Amerikaner, weil sie einen kulturellen Unterschied vermuteten. Und sie änderten gezielt die Überzeugungen zur Intelligenz und schauten, wie sich das aufs Verhalten auswirkte. Welche Ergebnisse zeigten sich?

Genialitätsglaube machte großzügiger

Mehr Inder als US-Amerikaner glaubten an das Einsteinpotenzial jedes Menschen. Amerikaner waren seltener davon überzeugt, dass jeder von Geburt an das Potenzial in sich trage, sehr intelligent zu werden. Inder glaubten hingegen häufiger, dass „jedes Kind ein Einstein oder ein Nobelpreisgewinner werden kann, wenn es eine gute Ausbildung bekommt und sehr fleißig ist.“ (S. 790). Diese kulturellen Unterschiede gab es nur bei den Überzeugungen zum geistigen Potenzial. Wenn man nach körperlichen Höchstleistungen („Jeder kann so gut wie ein Olympiasieger werden.“) oder musikalischem Talent („Jeder kann so gut werden, dass er einen Musikpreis gewinnt.“) fragte, gab es keinen Unterschied mehr zwischen Amerikanern und Indern.

Mehr Inder als US-Amerikaner waren davon überzeugt, dass sich Intelligenz ändern kann. Amerikaner glaubten eher, dass Intelligenz festgeschrieben sei und sich nicht ändern lasse. Inder waren eher vom Gegenteil überzeugt. Die Gedanken, dass Intelligenz unveränderlich sei und zudem nur sehr wenige mit Genialität gesegnet seien, ging also bei den Amerikanern Hand in Hand – bei den Indern hingegen nicht. Diese schätzten die Möglichkeiten eines Menschen differenzierter ein.

Wer an die Genialität jedes Menschen glaubte, war eher bereit, Benachteiligte zu fördern. Im Experiment wurden einige dazu gebracht, daran zu glauben, dass jeder intelligent werden könne. Dazu gab man ihnen eine Liste mit Statements wie: „Die meisten Menschen haben ein angeborenes Potenzial dazu, sehr intelligent zu werden.“ (S. 803). Anderen wurde glaubhaft gemacht, dass dies nur wenige Menschen werden könnten, weil es biologische Grenzen gebe. Ergebnis: Diejenigen, die an die Genialität jedes Menschen glaubten, stimmten häufiger einer sozialpolitischen Förderung von Benachteiligten zu als die, die es nicht glaubten. Diese Fördermaßnahmen waren:

Der Gedanke, dass sie sich die Intelligenz im Laufe des Lebens ändern könne, hatte auf diese Umverteilung keinen Einfluss. Nur der Glaube, dass geistige Höchstleistung jedem Menschen innewohne, bewirkte, dass man eher bereit war, sich für Minderheiten, Arme und Benachteiligte einzusetzen.

„Unintelligenten“ eine Chance geben

Die Studie zeigt, welche Auswirkungen bloße Überzeugungen haben. Wer glaubt, dass jeder intelligent sein kann, wird gerechter und ist bereit, auch längst Abgeschriebenen eine Chance zu geben. Diese Überzeugungen sind überall dort maßgeblich, wo anhand der Intelligenz ausgesiebt wird: in der Schule, an der Universität, im Beruf.

Ein Personaler, der an das verschüttete Potenzial eines „Unintelligenten“ glaubt, wird eher auf seine Arbeitsproben als auf die Ergebnisse im Intelligenztest schauen. Eine Schlussfolgerung der Studie könnte daher lauten: Beurteile einen Menschen erst dann, wenn du ihm eine Chance gegeben hast und ihn erlebt hast. Oder: Teilt mal den Kuchen mit denen, die in der Bestenauslese scheitern. In ihnen könnten Talente schlummern, die so mancher Neunmalkluge nicht besitzt.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2013. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Aneeta Rattan (Stanford University), Krishna Savani (Columbia Business School), N. V. R. Naidu (M. S. Ramaiah Institute of Technology) & Carol S. Dweck (Stanford University). (2012). Can Everyone Become Highly Intelligent? Cultural Differences in and Societal Consequences of Beliefs About the Universal Potential for Intelligence [Abstract]. Journal of Personality and Social Psychology, 103 (5), 787-803.

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