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Lernen von Shalom Schwartz

Werteverdopplung

14. November 2012

Shalom Schwartz hat zusammen mit elf weiteren Forschern aus zehn Ländern seine Wertetheorie überprüft und erweitert. Danach gibt es nicht mehr nur zehn grundlegende, weltweit gültige Werte eines Menschen, sondern mit nunmehr 19 fast doppelt so viele – z.B. selbstbestimmtes Denken, Vormachtstellung, persönliche Sicherheit oder Bescheidenheit. In einer groß angelegten Studie überprüften sie diese. Insgesamt zeigte sich, dass die 19 Werte trennschärfer waren und zu vier Wertedimensionen zusammengezogen werden konnten. Einige Werte ließen sich mit den Daten allerdings nicht abbilden.

Schwartz’s Wertetheorie

Shalom Schwartz, Psychologieprofessor im Ruhestand an der Hebräischen Universität in Jerusalem, hat in den 1980er Jahren seine „Theorie grundlegender individueller Werte“ entwickelt. Anfangs waren es zehn Werte, die ein Mensch haben kann und die überall auf der Welt gelten, zum Beispiel Selbstbestimmung, Macht, Sicherheit oder Wohlwollen.

Anfangs, denn nachdem viele Forscher herausfanden, dass zehn Werte zu ungenau waren und sich teilweise überlappten, hat er seine Theorie jetzt einem Feinschliff unterzogen. Zusammen mit Forschern aus zehn Ländern hat er seine ursprüngliche Werteliste mal locker fast verdoppelt auf nunmehr insgesamt 19 maßgebliche Werte. Dazu haben die Psychologen und Sozialwissenschaftler einen neuen Fragebogen entwickelt und ihn an 6.059 Personen verteilt. Ihre Ergebnisse wurden in der Oktoberausgabe des renommierten Journal of Personality and Social Psychology veröffentlicht.

Was sind eigentlich Werte?

Werte sind bewertende Gedanken zu zentralen Dingen im Leben wie zur eigenen Person, zu Freunden oder zur Gesellschaft. Sie lauten etwa so: „XY ist mir wichtig/hat für mich große Bedeutung.“ Diese Aussagen sind mit Gefühlen verbunden, weisen auf ein Ziel hin und bestimmen das tägliche Verhalten. Entsprechend der Wichtigkeit lassen sich die Werte einer Person in eine bestimmte Reihenfolge bringen. Die Werte, die oben in der Rangreihe steht, beeinflussen das Handeln mehr als die, die weiter unten stehen.

Shalom Schwartz und seine Kollegen sind in ihrer neuen Studie wie folgt vorgegangen. Sie haben das Zehn-Werte-Schema als Grundlage genommen und sich angeschaut, inwiefern es von bisherigen Forschungsergebnissen abweicht. Entsprechend dieser Abweichungen haben Sie den Wertekatalog um neun neue Werte erweitert und diesen dann mit einem Fragebogen überprüft. Dabei schauten sie, ob alle 19 Werte sauber bestimmt werden konnten und ob sie sich in einem Kreis anordnen ließen. Der Kreis besagt, dass alle Werte auf einem geschlossenen Wertekontinuum liegen und ähnliche Werte sich nebeneinander befinden. Schließlich prüften die Forscher noch, ob sich diese 19 Werte auf wenige Wertedimensionen zusammenschrumpfen ließen.

19 entscheidende Werte

Gegenüber dem bisherigen Zehn-Werte-Schema hat sich folgendes verändert. Sechs Werte wurden in mehrere gesplittet: Selbstbestimmung, Macht, Sicherheit, Angepasstheit, Wohlwollen und das „Ganze im Blick“. Vier Werte blieben einzeln bestehen: Anregung, Genussstreben, Leistung und Tradition. Zwei neue Werte kamen hinzu: Ansehen und Bescheidenheit.

Da Schwartz’s Werteschema vor allem unter Personalpsychologen weitverbreitet ist, sollen hier alle 19 neuen Werte mit Ober- und Unterkategorien, Definitionen und beispielhaften Fragebogenitems genannt werden. Im Fragebogen gibt’s für jeden Wert drei Items. Die Anleitung zum Ausfüllen lautet zusammengefasst etwa (S. 687): „Hier beschreiben wir einige Personen. Bitte lesen Sie jede Beschreibung durch und geben Sie an, wie ähnlich ihnen diese Person ist.“ Die Ähnlichkeit können die Befragten auf einer sechsstufigen Schätzskala von „mir überhaupt nicht ähnlich“ bis „mir sehr ähnlich“ angeben.

Je näher ein Wert über oder unter einem anderen steht, desto ähnlicher ist er diesem. Den letzten Wert Nummer 19 muss man sich an den Wert Nummer 1 angeschlossen denken, sodass die Liste einen Kreis ergibt.

Die Daten stützten diese feinsäuberlich aufgelisteten Werte aber nur bedingt. Es zeigte sich, dass die Angaben der Personen aus den zehn Ländern der 19er-Liste, aber fast genauso gut der älteren 10er-Liste entsprachen. Der Vorteil der 19er-Liste war lediglich, dass die Werte damit besser aufgeschlüsselt werden konnten und es weniger inhaltliche Überschneidungen gab.

Die Kreisanordnung wurde größtenteils bestätigt, jedoch mit drei Ausnahmen. Die Werte Tradition und Angepasstheit hinsichtlich Regeln waren sich nicht so ähnlich wie erwartet. Bescheidenheit und Fürsorge ergaben eher einen gemeinsamen Wert als zwei unterschiedliche. Und die Reihenfolge der Wertekategorien Wohlwollen und das Ganze im Blick war umgekehrt, sodass Wohlwollen am Ende der Liste stand und das Ganze im Blick darüber.

Verdichtung auf vier Wertedimensionen

Schließlich zeigte sich, dass die 19 Werte zu vier Wertedimensionen verdichtet werden konnten:

Fragwürdiges Werteraster

Shalom Schwartz und sein internationales Team haben damit die grundlegenden Werte umfassender und präziser bestimmt als bisher. Der Nachteil ist, dass das Werteschema unübersichtlicher geworden ist.

Dass sie von Anfang an mit einem feststehenden Werteraster hantieren und dieses selbst dann noch behaupten wollen, wenn die Daten dagegen sprechen, ist ebenfalls fragwürdig. Neun der 19 Werte müssten laut Datenlage revidiert werden, entweder weil die Wertekategorie ungenau ist oder die Reihenfolge der Werte nicht stimmt. Tun sie aber nicht. Was sie tun ist, dass sie Fragebogenitems, die die 19er-Lösung vermasseln würden, aus der Analyse rauswerfen. Im abgedruckten Fragebogen stehen sie aber weiterhin. Konsequenter wäre gewesen, sie ganz zu tilgen oder durch neue zu ersetzen.

Oder mal mit ganz anderem Fragebogenmaterial herangehen. Denn was auffällt ist, dass Werte, die sich auf unbelebte Dinge beziehen, völlig fehlen – z.B. Gestaltung, Form oder Ordnung. Wenn man an Künstler oder Wissenschaftler wie Jan Vermeer, Marie Curie oder Joyce DiDonato denkt, die ihr Leben ganz danach ausgerichtet haben, kann man kaum glauben, dass das keine Werte sein sollen. Letztlich zeigt sich an der Studie eben auch, dass aus der Fragebogenmaschine nur das hinten rauskommt, was man vorne reinwirft.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2012. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Shalom H. Schwartz, Jan Cieciuch, Michele Vecchione, Eldad Davidov, Ronald Fischer, Constanze Beierlein, Alice Ramos, Markku Verkasalo and Jan-Erik Lönnqvist, Kursad Demirutku and Ozlem Dirilen-Gumus & Mark Konty (2012). Refining the Theory of Basic Individual Values [Abstract]. Journal of Personality and Social Psychology, 103 (4), 663-688.

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