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Lernen von Howard Friedman

Berufserfolg und Lebensdauer

26. Oktober 2012

Die Psychologen Howard Friedman und Leslie Martin haben in ihrem Buch „Die Long-Life-Formel“ Faktoren zusammengetragen, die zu einem gesunden und langen Leben führen. Basis ihrer Forschung war die Längsschnittstudie von Lewis Terman. Was den Berufserfolg angeht, haben sie herausgefunden, dass gewissenhafte Menschen besonders erfolgreich waren. Außerdem lebten die Erfolgreichen fünf Jahre länger als die Erfolglosen. Und es spielte im Allgemeinen für die Gesundheit keine Rolle, ob man seinen Traumberuf fand oder nicht.

Die Terman-Studie

Howard S. Friedman, Psychologieprofessor an der University of California in Riverside, forscht schon seit über drei Jahrzehnten zu Faktoren, die dazu beitragen, dass man besonders lange lebt. Sind das gesundes Essen, Tiefenentspannung oder Reichtum? Nein, eher Gedanken, Gefühle, Persönlichkeitseigenschaften und Verhaltensmuster.

Wie ist er zu diesen Erkenntnissen gekommen? Er hat mit seinem Forscher(innen)-Stab in mühseliger Kleinarbeit die Längsschnittstudie von Lewis Terman erneut ausgewertet. Dieser hatte ab 1921 damit begonnen, insgesamt 1.528 hochbegabte Kinder, die um 1910 geboren waren, auf ihrem Entwicklungsweg zu begleiten. Auch nach Termans Tod 1956 wurde die Längsschnittstudie fortgeführt.

Reanalyse zur Langlebigkeit

Howard Friedman und seine Kolleginnen Leslie Martin und Carol Tomlinson-Keasey begannen in den 1990er Jahren, die reichhaltigen Forschungsdaten neu zu analysieren, um Gesundheit und ein langes Leben vorherzusagen. Sie besorgten sich außerdem die Sterbeurkunden der Verstorbenen und hatten damit zwei wichtige Daten: die Todesursache, die mitunter Aufschluss über den Gesundheitsstatus gab, und den Todeszeitpunkt als Maß für die Langlebigkeit.

Obwohl die Terman-Studie kritisiert wird – z.B. dass sie nur ausgewählte Kinder mit einem hohen Intelligenzquotienten aufnahm –, ist sie eine reichhaltige Quelle für objektive Entwicklungsdaten aus einem dreiviertel Jahrhundert. Außerdem setzten Friedman und Martin die Daten immer wieder in Relation zur heute lebenden Bevölkerung. Damit wird der Einwand entkräftet, die Ergebnisse wären veraltet und heute nicht mehr aufschlussreich.

Howard Friedman und Leslie Martin fassten die Ergebnisse ihrer neuen Auswertungen im Buch „The Longevity Project“ zusammen, in Deutschland dieses Jahr unter dem Titel „Die Long-Life-Formel“ erschienen. In einem Kapitel widmen sie sich auch dem Berufserfolg. Die Forschungsfragen lauteten dafür:

Die Analysen bezogen sich vor allem auf die Männer, da vielen Frauen Mitte des letzten Jahrhunderts noch eine lange berufliche Karriere verwehrt blieb. Die Forscher schauten sich aber auch den beruflichen Werdegang einzelner Frauen an und kommen zu dem Schluss: „Die Ergebnisse entsprachen in der Regel dem, was wir bei den Männern gesehen hatten“ (S. 190).

Beruflicher Erfolg

Zunächst einmal war zu bestimmen, wer als erfolgreich galt. Lewis Terman selbst zog dabei neben dem Verdienst weitere Kriterien heran, wie einen herausragenden Ruf (z.B. wenn man mit einem Eintrag im „Who’s Who in America“ stand), besondere Leistungen oder wenn man einen prestigeträchtigen Berufe ergriff. Insgesamt wurde ein Fünftel der Männer als besonders erfolgreich, ein Fünftel als erfolglos und zwei Fünftel als mittelmäßig erfolgreich eingeschätzt.

Erfolg im Beruf hatten vor allem jene, die gewissenhaft waren und beispielsweise folgende Aussage bejahen konnten (S. 39): „Ich verfolge beharrlich meine Ziele und bringe meine Arbeit immer zu Ende.“ Außerdem ging Berufserfolg mit ausgeprägtem Ehrgeiz einher und mit einer hohen Motivation für seine tagtägliche Arbeit.

Berufserfolg und Lebensdauer

Je erfolgreicher eine Person war, je prestigeträchtiger ihr Beruf und ihre berufliche Position, je höher ihr Einkommen war, desto länger lebte sie. Die Erfolgreichen lebten im Schnitt fünf Jahre länger als die Erfolglosen. Außerdem kam es der Gesundheit zugute, wenn man nicht so häufig seinen Beruf wechselte.

Mit anderen Worten: Diejenigen, die viel Verantwortung und einen stressigen Arbeitsalltag hatten, sich häufig gegen Konkurrenten durchsetzen mussten und viele Hürden überwanden, waren gesünder und legten länger. Das klingt doch ganz anders als es die Burnout-Debatte mit ihrer Forderung weismachen will, möglichst viel Stress zu vermeiden. Die Ergebnisse zeigen: beruflicher Stress ist gut – wenn er nicht von zermürbenden Auseinandersetzungen mit anderen herrührt und man mit ihm umgehen kann.

Passung Persönlichkeit-Beruf und Lebensdauer

War es wichtig, dass man seinen Traumberuf fand? Die Forscher bestimmten sechs Kategorien der beruflichen Persönlichkeit – realistische Interessen (z.B. etwas handwerkliches tun), investigative (forschen), künstlerische, soziale, unternehmerische und konventionelle Interessen (Verwaltungstätigkeiten) – und verglichen sie mit dem gewählten Beruf des Teilnehmers. Ergebnis: Im Allgemeinen war es für die Gesundheit und Lebensdauer nicht besonders wichtig, ob Interessen und Beruf übereinstimmten.

Für zwei Berufsgruppen war es jedoch wichtig: für unternehmerische und soziale. Wenn wenig unternehmerische und auch besonders unternehmerische Personen im Vertrieb oder in wirtschaftlichen Berufen landeten, wurden sie schneller krank und starben früher. Bei sehr tatkräftigen Personen verstärkten sich damit Persönlichkeit und unternehmerische Tätigkeit gegenseitig und stressten. Zurückgezogenen Personen setzten Vertriebstätigkeiten ebenfalls zu.

In sozialen Berufen (z.B. Geistliche, Lehrer Berater) wirkte ein soziales Interessensprofil lebensverlängernd. Wenn Teilnehmer kontaktfreudig waren, gerne redeten und Lust auf Menschen hatten, blieben sie gesünder, wenn sie damit ihren Traumjob fanden.

Die Autoren geben einen kleinen Fragebogen mit an die Hand, mit dem man seinen beruflichen Ehrgeiz bestimmen und damit in gewisser Weise wohl auch seine Lebensdauer vorhersagen kann. Wenn man z.B. folgender Aussage uneingeschränkt zustimmen kann, ist das gut für Beruf und Leben (S. 201): „Es gibt noch vieles, was ich beruflich erreich will.“

Zum Glück lässt sich aber nicht alles im Leben vorhersagen.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2012. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Howard S. Friedman & Leslie R. Martin (2012). Die Long-Life-Formel: die wahren Gründe für ein langes und glückliches Leben [Verlagsseite]. Weinheim: Beltz.

Margaret L. Kern, Howard S. Friedman, Leslie R. Martin, Chandra A. Reynolds & Gloria Luong (2009). Conscientiousness, Career Success, and Longevity: A Lifespan Analysis. Annals of Behavioral Medicine, 37 (2), 154–163.

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