Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Neues eDossier: Stress bewältigen
Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management Neues eDossier: Stress bewältigen Wirtschaftspsychologie aktuell

Lernen von David T. Wagner

Faulenzen im Internet

22. Oktober 2012

Forscher um David Wagner von der Singapore Management University haben herausgefunden, dass jemand während der Arbeitszeit häufiger im Internet abhängt, wenn er wenig geschlafen hat. Dieses sogenannte Internetfaulenzen ist weit verbreitet. Schlafmangel fördert es, die Gewissenhaftigkeit einer Person zügelt es. Müßiggang auf Facebook & Co. lässt sich also eindämmen, wenn man immer schön ausgeschlafen ins Büro kommt.

Im Internet bummeln

David Wagner ist Assistenzprofessor für Organisationsverhalten an der Managementuniversität in Singapur. Ein Thema seiner Forschung ist, ob und wie sich Schlaf auf die tägliche Arbeit auswirkt. Jetzt hat er sich – zusammen mit seinen Kollegen Christopher Barner, Vivien Lim und Lance Ferris – gefragt, ob sich Schlafmangel auch aufs Abhängen im Internet auswirkt. Ihre Ergebnisse sind in der Septemberausgabe des Journal of Applied Psychology abgedruckt.

Lesen Sie diesen Beitrag während Ihrer Arbeitszeit? Also wirklich! Internetfaulenzen – auf Englisch „Cyberloafing“ – ist allgegenwärtig. Fast jeder tut es, viele exzessiv. Seiten wie Facebook oder Youtube laden zum täglichen Flanieren ein. Das Problem: Wenn man während der Arbeitszeit im Internet müßig geht, kostet das die Firma. Schätzungen haben ergeben, dass britische Betriebe jährlich 600 Millionen US-Dollar verlieren, weil ihre Angestellten unerlaubt im Internet surfen.

Erlahmter Selbstkontrollmuskel

Die Wissenschaftler nehmen an, dass Büroarbeiter vor allem dann privat im Internet surfen, wenn ihre zentrale Steuerungsinstanz geschwächt ist. Diese Instanz ist wie ein großer Muskel, der erlahmt, wenn er überstrapaziert wird. Der Selbstkontrollmuskel versorgt alle Handlungen gleichzeitig, mit denen man sich selbst maßregelt. Das heißt, wenn er durch eine Selbstkontrollaktion beansprucht wird, ist er für alle weiteren geschwächt. Sozialpsychologen sprechen dann von Selbst-Erschöpfung oder Ego-Depletion.

Testen Sie mal Ihren Muskel. Legen Sie einen ausgepackten Schokoriegel vor sich hin. Dann versuchen Sie, ihn nicht zu essen. Das geht vielleicht eine halbe oder eine Stunde gut. Irgendwann liegt Ihre Selbstkontrolle so darnieder, dass Sie nicht anders können und hineinbeißen.

Zwei Schlafstudien

Schlafmangel setzt die Selbstkontrolle herab. Also sollte Internetfaulenzerei – eine Folge zu geringer Selbstkontrolle – nach schlaflosen Nächten zunehmen. Diese Annahme überprüften die Forscher in zwei Studien.

In der ersten Studie schauten sie, ob nach Umstellung auf die Sommerzeit in amerikanischen Großstädten auf Google häufiger nach Unterhaltungsbegriffen wie „Facebook“, „Youtube“, „Musik“ oder „Videos“ gesucht wurde. Wird die Sommerzeit eingeführt, schläft man in den ersten Nächten danach durchschnittlich 40 Minuten weniger.

In der zweiten Studie maßen die Forscher bei 96 Studenten mit einem mobilen Apparat Schlafdauer und Unterbrechungen während des Schlafs. Am nächsten Tag sollten sie am Monitor ein langweiliges Video ansehen und konnten nebenher im Internet surfen. Gemessen wurde, wie lange sie letzteres taten.

Weniger geschlafen, mehr gefaulenzt

In beiden Studien zeigte sich, dass Personen mit wenig Schlaf häufiger im Internet bummelten als solche, die länger schliefen. Die Internetfaulenzerei nahm zu, wenn durch die Sommerzeit der Schlaf verkürzt wurde oder der Schlafapparat eine kürzere Ruhezeit auswies.

Die Folgen waren gravierend. Jede Stunde, in welcher der Schlaf gestört war und man (mehrmals) aufwachte, ging mit 20 Prozent weniger Arbeitszeit einher, in der man sich im Internet verlustierte. Sieben Prozent Arbeitszeitverlust noch einmal für jede Stunde, um die der Schlaf insgesamt verkürzt war.

Gewissenhaftigkeit wirkte als Puffer. Bei zielstrebigen, planvollen und pflichtbewussten Personen schlug der Schlafmangel nicht so durch wie bei schludrigen oder nachlässigen. Letztere surften besonders viel im Internet, wenn sie müde waren.

Betriebliche Schlafhygiene

Schlafmangel macht also anfällig fürs Internetfaulenzen während der Arbeitszeit. Dahinter steckt wahrscheinlich, dass weniger Schlaf die Selbstkontrolle auszehrt und man damit der Versuchung schneller erliegt, sich auf Facebook und Co. zu zerstreuen.

Die erste Schlussfolgerung lautet daher, lange genug – also sieben bis acht Stunden – schlafen, wenn man seine Arbeit unbehelligt erledigen will. Die zweite Schlussfolgerung: In den Firmen sollte diskutiert werden, wie man das Cyberloafing in den Griff bekommt. Zum Beispiel durch offizielle Surfzeiten, die jedem Mitarbeiter zugestanden werden.

Und die dritte ist die interessanteste. Führungskräfte sollten an betriebliche Schlafhygiene denken. Dazu gehört, dass auch die eifrigsten Mitarbeiter nicht länger als vorgesehen arbeiten dürfen. Denn was an Arbeitszeit drauf geht, wird einem an Freizeit und Schlafenszeit genommen. Wer leistungsfähige Mitarbeiter will, soll ihre Selbstkontroll-Instanz stärken. Dazu gehören bereichernde Hobbys und ein guter Schlaf. Möglichst nicht im Büro.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2012. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

David T. Wagner, Christopher M. Barnes, Vivien K. G. Lim & D. Lance Ferris (2012). Lost sleep and cyberloafing: Evidence from the laboratory and a daylight saving time quasi-experiment [Abstract]. Journal of Applied Psychology, 97, 1068-1076.

Zur Ausgabe "Motiviert und glücklich"

Zum Schnupper-Abo der Wirtschaftspsychologie aktuell

Zur Newsletter-Anmeldung

Zum Archiv