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Forschung zu Frauen und Karriere

10. Januar 2019

Vorurteile gegen Frauen in Führungspositionen sind weiterverbreitet als vermutet

Fünf Fragen an Diplom-Psychologen Dr. Adrian Hoffmann

Alle Hefte im ÜberblickGeschlechterstereotype und geschlechtsspezifische Vorurteile können die berufliche Karriere von Frauen behindern und zur Benachteiligung am Arbeitsplatz beitragen. Vorurteile gegen weibliche Führungskräfte sind weit verbreitet, aber offenbar antworten viele Teilnehmer an Umfragen zu diesem Thema unehrlich, wenn die Vertraulichkeit ihrer Antworten nicht garantiert ist. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie mit einer indirekten Fragetechnik von Dr. Adrian Hoffmann und Professor Dr. Jochen Musch vom Institut für Experimentelle Psychologie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU), an der 1.529 deutschen Studierende teilnahmen. Isabel Nitzsche, Redaktionsleiterin von Wirtschaftspsychologie aktuell, sprach mit Dr. Hoffmann über die Forschungsergebnisse.

Dr. Adrian Hoffmann

Dr. Adrian Hoffmann, Diplom-Psychologe


1. Was sind die wichtigsten Ergebnisse Ihrer Studie?

Wir fanden mit Hilfe eines Experiments heraus, dass Vorbehalte gegenüber Frauen in Führungspositionen offenbar weiter verbreitet sind als bisher vermutet. Wir haben dazu in einer Umfrage die Antworten von Studierenden, die direkt befragt wurden, mit den Antworten von Studierenden verglichen, denen wir durch eine Zufallsverschlüsselung mit Hilfe der „Crosswise“-Befragungstechnik die Vertraulichkeit ihrer Antworten garantierten. Tendenzen zur positiven Selbstdarstellung wurde so entgegengewirkt. Auf diese Weise konnten wir zeigen, dass viele der von uns befragten Studierenden Vorbehalte gegenüber Frauen in Führungspositionen haben. Sie räumten diese jedoch bei einer direkten Befragung nicht ohne weiteres ein, weil sie das offenbar nicht zugeben wollten. Der Grund dafür war möglicherweise, dass sich weibliche Umfrageteilnehmer mit ihren Geschlechtsgenossinnen solidarisieren wollten und dass männliche Umfrageteilnehmer  sozial erwünscht antworten wollten. Beides kann dazu führen, dass ohne eine glaubwürdige Zusicherung der Vertraulichkeit in Umfragen die tatsächliche Verbreitung von Vorbehalten gegenüber weiblichen Führungskräften unterschätzt wird. In unserer Studie haben nur 23 Prozent der Teilnehmer einer direkten Befragung Vorbehalte gegenüber weiblichen Führungskräften eingeräumt; bei einer zufallsverschlüsselten Befragung waren es mit 37 Prozent  deutlich mehr.

2. Wie unterscheiden sich Männer und Frauen in ihren Antworten bei der Studie?

Erwartungsgemäß wurden Vorbehalte gegenüber Frauen in Führungspositionen von weiblichen Befragten weniger häufig geäußert als von männlichen Befragten. Dies zeigte sich sowohl in der direkten als auch in der zufallsverschlüsselten Befragung. Überraschend war für uns jedoch, dass Frauen auf eine Zusicherung der Vertraulichkeit ihrer Antwort mit Hilfe einer hierfür geeigneten Zufallsverschlüsselung erheblich stärker reagierten als Männer. So ist der Anteil der weiblichen Befragten, die Vorbehalte gegenüber Führungskräften des eigenen Geschlechts äußerten bei der glaubwürdigen Zusicherung von Vertraulichkeit beinahe drei Mal so groß: Statt 10 Prozent sind es dann 28 Prozent. Bei Männern gab es zwar auch einen entsprechenden Anstieg, aber nur von 36 Prozent auf 45 Prozent. Offenbar hatten Männer also deutlich weniger Hemmungen als Frauen, Vorbehalte gegenüber weiblichen Führungskräften auch offen zu äußern.

3. Sie haben Studierende befragt. Welche Ergebnisse würden Sie bei älteren Studienteilnehmern erwarten?

Bisherige Forschungsarbeiten legen nahe, dass Vorbehalte gegenüber Frauen in Führungspositionen unter älteren Befragten sogar noch weiter verbreitet sind als unter jungen Befragten. Ob auch die wahrgenommene soziale Erwünschtheit der Äußerung von Vorbehalten gegenüber weiblichen Führungskräften mit dem Alter der Befragten zusammenhängt, ist jedoch eine offene und nur empirisch zu klärende Frage.

4. Welche Schlüsse ziehen Sie aus der Studie für die Praxis?

Zunächst unterstreichen unsere Ergebnisse, wie wichtig es ist, bei Umfragen zu sensiblen Themen die Möglichkeit unehrlicher Antworten zu berücksichtigen und einer Verfälschung der Ergebnisse von Umfragen mit geeigneten Mitteln entgegenzuwirken. Nur so können genaue Schätzungen der tatsächlichen Verbreitung sensibler Merkmale gewonnen werden. Darüber hinaus zeigen unsere Ergebnisse, dass auch unter Studierenden – also den Führungskräften von morgen – Vorbehalte gegenüber weiblichen Führungskräften immer noch weit verbreitet sind. Vor diesem Hintergrund wäre es wenig überraschend, wenn sich die ungleichen Geschlechterverhältnisse in den Führungsetagen noch länger bestehen.

5. Wie sind Sie und Professor Musch darauf gekommen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen?

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Wir erforschen in unserer Arbeitsgruppe schon seit längerer Zeit indirekte Befragungstechniken und gehen dabei der übergeordneten Frage nach, ob und wie sich die Verlässlichkeit der Ergebnisse von Umfragen zu sensiblen Themen durch solche Techniken steigern lässt. Im Kontext von Vorbehalten gegenüber Frauen in Führungspositionen sind solche Befragungstechniken bislang noch kaum angewendet worden. Wir wollten deshalb dazu beitragen, mit Hilfe einer zufallsverschlüsselten Befragung mehr Licht in dieses Dunkel zu bringen, um so zu einem besseren Verständnis der wahren Einstellungen der Umfrageteilnehmer zu gelangen.

Isabel Nitzsche

Isabel Nitzsche, Redaktionsleiterin von Wirtschaftspsychologie aktuell, interviewt Wissenschaftler zum Thema „Frauen und Karriere“


© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2019. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Hoffmann, A. & Musch, J. (2018). Prejudice against women leaders: Insights from an indirect questioning approach. Sex Roles (79) 486, 1–12. DOI 10.1007/s11199-018-0969-6

Im Themenschwerpunkt „Kampf um Aufmerksamkeit“ stehen neue Erkenntnisse zu den Themen wie IT-Konzerne unsere Aufmerksamkeit fesseln, ob Multitasking tatsächlich funktioniert, ob Trainings beim Fokussieren der Aufmerksamkeit helfen und wie sich mit digitaler Selbstdarstellung Aufmerksamkeit gewinnen lässt.

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