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Fachbuch im Fokus

25. April 2018

Psychologische Diagnostik durch SprachanalyseKlaus P. Stulle (Hrsg.):
Psychologische Diagnostik durch Sprachanalyse. Validierung der Precire-Technologie für die Personalarbeit.
Wiesbaden: SpringerGabler 2018
343 Seiten, 43,73 Euro

Produkt eines deutschen Anbieters im Mittelpunkt

Das Buch, das in der Herausgeberschaft von Klaus Stulle erschienen ist, widmet sich einem innovativen Themenfeld der Personaldiagnostik. Es geht um die Frage inwieweit sich aus der gesprochenen Sprache valide Schlüsse auf Persönlichkeitsmerkmale ziehen lassen. Im Zentrum steht jedoch weniger die Auseinandersetzung mit der bislang vorliegenden Forschung als vielmehr das Produkt Precire eines deutschen Anbieters, der seine Software schon seit mehreren Jahren offensiv im Personalwesen vermarktet. An sämtlichen Kapiteln sind Autoren beteiligt, die entweder Mitglieder des Unternehmens sind oder – wie der Herausgeber – im Beirat des Unternehmens sitzen.

Softwareentwicklung basiert scheinbar auf einer einzigen Stichprobe

Lesen Sie hier zwei Ausgaben.Praxisbeispiele etwa von Siemens in Karlsruhe oder der hessischen Friedhelm Loh Group werden ausführlich dargestellt. Daneben finden sich Beispiele anderer Unternehmen zu Fragen wie etwa zum Umgang mit kulturellen Differenzen, zur Motivation und zur Bedeutung des Spracherwerbs. Die Initiativbewerbung eines Flüchtlings aus Gambia führt dazu, dass die Lignum Möbelmanufaktur konkret mit dem Integrationsprozess beginnt. 80 Prozent Arbeit, 20 Prozent Deutscherwerb heißt hier das Erfolgsrezept.

„Lessons Learned“

Nach einer kurzen Einführung folgt in Kapitel 2 eine Darstellung der Software und ihrer anvisierten Einsatzbereiche (Personalauswahl, Personalentwicklung, Kommunikation mit Kunden) durch Vertreter von Precire. Das Grundkonzept besteht darin, dass die Probanden zunächst eine mindestens 15-minütige Sprachprobe liefern. Hierzu werden ihnen am Rechner oder per Telefon bestimmte Fragen gestellt, die sich z. B. auf die Gestaltung des Wochenendes beziehen. Die Sprachprobe wird anschließend per Computer hinsichtlich zahlreicher Merkmale (sogenannter Features) analysiert.

Sie beziehen sich auf die Art der verwendeten Wörter und Wortkombinationen (Semantik), Tonhöhe, Lautstärke etc. (Prosodie) sowie quantitative Angaben zur Verwendung bestimmter Wörter. Zusammen sind es mehr als 300.000 Features. Die komplette Entwicklung der Software basiert scheinbar auf einer einzigen Stichprobe (N > 5000). Auf der Basis dieser Stichprobe werden die Features zu den Ergebnissen von Persönlichkeitsskalen in Beziehung gesetzt. Dabei werden in mehreren Teilstichproben lernende Algorithmen eingesetzt.

Qualität des Verfahrens nicht überzeugend belegt

Im Sinne eines empiristischen Ansatzes wird eine Kombination der Features gesucht, mit deren Hilfe sich die einzelnen Persönlichkeitsmerkmale bestmöglich „vorhersagen“ lassen. Insgesamt sollen 39 Konstrukte erfasst werden. Obwohl in Kapitel 3 berichtet wird, dass für derartige Maße die Innere Konsistenz nicht berechnet werden kann, finden sich entsprechende Angaben in Kapitel 2, allerdings nicht für alle Konstrukte. Die Angaben zur Retest-Reliabilität beziehen sich auf einen kurzen Zeitraum von drei Monaten und hier wiederum nur auf 12 der 39 Konstrukte. Die Angaben zur Konstruktvalidität bzw. Kriteriumsvalidität sind in hohem Maße selektiv und werden auf drei Seiten viel zu kurz abgehandelt. Die Darstellung ist insgesamt ungeeignet, die Qualität des Verfahrens überzeugend zu belegen.

Kapitel 3 und 4 werden als zwei eigenständige Validierungsstudien dargestellt. De facto handelt es sich jedoch um eine einzige Studie, die auf demselben Datensatz von etwa 300 Probanden beruht. Es geht um den Zusammenhang zwischen den Skalen der Software und verschiedenen Persönlichkeitsskalen. Die beiden Kapitel beziehen sich dabei auf unterschiedliche Persönlichkeitsskalen. Die Daten werden vollständig über eine Plattform des Anbieters erhoben. Auch die Extraktion der Skalen der Software erfolgt durch den Anbieter. Erst danach werden die Daten weitergeleitet, um im Rahmen von Masterarbeiten ausgewertet zu werden.

Unterschiedliche Angaben zur Retest-Reliabilität

Die Probanden erhalten als Belohnung ein Persönlichkeitsprofil auf der Basis der Sprachanalyse im Gegenwert von 249 Euro. Die Angaben zur Retest-Reliabilität in Kapitel 3 stimmen nicht mit denen aus Kapitel 2 überein. Die Studie bestätigt sinnvolle Zusammenhänge. Auffällig in Kapitel 4 sind die Interkorrelationen zwischen den Skalen des Anbieters. Manche korrelieren so hoch, dass dies fast ihre Eigenständigkeit in Frage stellt, bei anderen, die signifikant korrelieren sollten, finden sich keine Zusammenhänge. Thematisiert wird dies nicht.

Kapitel 5 stellt eine Untersuchung vor, die in keiner Weise zur Validierung des Produktes geeignet ist. Die Autoren werten mit Hilfe der Software Sprachproben aller Vorstandsvorsitzenden der 30 DAX-Unternehmen zur Erfassung der Big 5 aus. Dabei werden vorhandene Sprachproben genutzt und nicht das eigentlich zu führende Interview des Anbieters eingesetzt. Anschließend werden die Ausprägungen der Skalen dahingehend gedeutet, inwieweit sie plausibel sind. Hierzu wird u.a. ein Vergleich mit einer älteren Studie gezogen, bei der zuvor auf der Grundlage von Laientheorie, die Persönlichkeit einer teilidentischen Gruppe der DAX-Manager gedeutet wurde. Die Stärke dieser Studie liegt in ihrem Unterhaltungswert.

Kein Mehrwert für die Praxis, unbefriedigender empirischer Ansatz

Insgesamt betrachtet zeigt das vorliegende Buch unfreiwillig vor allem die Defizite der vorliegenden Erkenntnisse zur untersuchten Software auf. Obwohl das Produkt bereits seit Jahren beworben und offenbar auch in der Praxis eingesetzt wird – das Geleitwort zum Buch stammt von einem Anwender – gibt es keine überzeugenden Angaben zur externen kriterienbezogenen Validität oder gar zur prognostischen bzw. inkrementellen Validität. Auch sind Abgaben oft in hohem Maße selektiv. Zudem ist keine der vorgelegten Studien unabhängig vom Anbieter.

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Aus der Perspektive der Praxis bietet die Software keinen Mehrwert, es sei denn, man wolle alle ethischen Bedenken über Bord werfen und versteckte Datenerhebungen durchführen. Solange nur bekannt ist, dass manche Skalen der Software sinnvoll mit anderen Skalen aus herkömmlichen Fragebögen korrelieren, ließe sich die Messung für den Anwender vielleicht leichter und kostengünstiger mit einem Fragebogen durchführen. Hierdurch würde sich auch das Problem der vermutlich geringen Bewerberakzeptanz reduzieren.

Aus der Perspektive der Wissenschaft bleibt vor allem der empiristische Ansatz des gesamten Unterfangens unbefriedigend. Man erfährt nicht, welche Features wie, mit welchen Persönlichkeitsmerkmalen zusammenhängen. Das Ganze ist eine Black Box. Dennoch wird das Buch sicherlich so manchen Laien in deutschen Unternehmen tief beeindrucken und damit seinen Zweck als Marketinginstrument erfüllen.

Professor Dr. Uwe Peter Kanning, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Osnabrück

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