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Fachbuch im Fokus

28. Januar 2016

Mythos ChangeUwe Reineck, Mirja Anderl:
Mythos Change: Verändern verändern.
Beltz, Weinheim und Basel 2015,
235 Seiten, 39,95 Euro.

Die Autoren, die der systemisch-humanistisch geprägten Beraterszene entstammen, wurden durch „gut gelaunte Unzufriedenheit mit Change-Prozessen“ dazu motiviert, das vorliegende Buch zu schreiben. Diese Unzufriedenheit mit dem Status quo auf dem Gebiet „Change“ dürften viele der Leser teilen – einige vermutlich sogar etwas weniger gut gelaunt.

Veränderungsdefizite

Alle Hefte im ÜberblickSo werden die Autoren für den ersten Teil des Buchs auch kaum Widerspruch ernten, in dem sie die Defizite vieler Change-Prozesse beschreiben. Sie schildern überzeugend, wie Führung oft nur noch inszeniert wird, wie eine exzessive Feedbackkultur negative Folgen hat oder die unvermeidlichen Verhaltenstrainings relativ wenige Berührungspunkte mit der Realität haben und so auch ziemlich folgenlos bleiben.

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Die inflationär gebrauchten Mitarbeiterbefragungen wecken oft mehr Hoffnungen, als sie wirklich erfüllen können. All das hat zur Folge, dass Mitarbeiter, die schon mehrere solcher Change-Projekte erlebt haben, nur noch mit Zynismus auf das nächste Projekt reagieren.

Übergänge unterstützen

Im zweiten Teil des Buchs stellen Reineck und Anderl ihren Gegenentwurf dar und schildern ihre eigene Herangehensweise, die sie „Passagement“ nennen. Darunter verstehen sie die „Unterstützung und Begleitung des Managements in Organisationen, die sich in Übergangssituationen befinden, und zwar auf struktureller, funktionaler, kultureller und persönlicher Ebene“.

Das sieht auf den ersten Blick nicht fundamental neu aus, und in der Tat dürfte vor allem die Grundhaltung neu sein. Die Autoren plädieren unter anderem dafür, vorhandene Schätze auszugraben, statt alles neu zu erfinden, Organisationen als kleine Gesellschaften zu verstehen und die vorhandene Kultur mit Veränderung zu versöhnen.

Ruinen sehen

Sie schildern ausführlich und angenehm konkret die Methoden, mit denen sie vorgehen. Erwähnt sei als Beispiel die „Veränderungsruinenschau“, mit deren Hilfe die Enttäuschungen und Fehler vorangegangener Change-Projekte offengelegt werden und dann mithilfe der lösungsorientierten Kurzzeittherapie von Steve de Shazer Ideen für eine grundsätzlich neue Herangehensweise gefunden werden sollen.

Weitere Themen, die angesprochen werden, sind zum Beispiel Führung, Dekonstruktion der Kommunikation oder die wirklich lernende Organisation. Im kurzen dritten Teil erfahren die Leser noch, welche Trends auf die Unternehmen von außen zukommen, die dann wiederum Veränderungen innerhalb des Unternehmens nötig machen können.

Eingestreute Ungeheuer

Die Autoren danken ihrer Lektorin, die „so manche der uns einfach so zugeflogenen doppelsinnverliebten Wortungeheuer am Leben [ließ]“. Vermutlich dürfte es noch mehr Leser geben, die froh wären, wenn die Lektorin entschiedener eingeschritten wäre. Ein Beispiel für ein solches Ungeheuer, das überlebt hat: „Die tiefgefrosteten Konflikte werden wachgeföhnt und verwandeln sich zu Prinzen im Königreich der Selbstverwirklichung [...]“.

Es ist zwar gut nachvollziehbar, dass man als Change-Berater einen Hang zum Sarkasmus entwickelt, und es ist auch erfrischend, wenn spitze Pointen eingestreut werden – es sollte allerdings nicht auf Kosten der Lesbarkeit gehen und nicht der Eindruck entstehen, dass man es mit sprachlicher Kunst um der Kunst willen zu tun habe.

Leicht schräge Perspektive

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Dazu kommt, dass sich wohl mancher Leser an der einen oder anderen Stelle fragen mag, wo genau in der Gliederung er sich gerade befindet und wie das eben Gelesene mit dem großen Ganzen zusammenhängt. Anders gesagt, dürfte es für Einsteiger schwer sein, nach der Lektüre ein kohärentes Bild im Kopf zu haben, wie sie nun an ihr Change-Projekt herangehen sollen.

Alte Hasen dagegen werden durch die leicht schräge Perspektive einen neuen, ungewohnten Blick auf ihr Metier werfen und die eine oder andere Methode aus dem gut gefüllten Methodenbaukasten für sich fruchtbar machen und das Buch mit Gewinn lesen.

Bernd Kaderschabek, Kommunikationsberater, Straubing

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2016. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Im Themenschwerpunkt „Umgang mit Umbrüchen“ geht es um Veränderungen, Wandlungskompetenz, Mitarbeiterführung, Willensstärke, Unternehmenskultur und Karrierewechsel.

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