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Fachbuch im Fokus

Feierabend hab ich, wenn ich tot bin26. September 2012
Markus Väth:
Feierabend hab ich,
wenn ich tot bin.

Warum wir im Burnout versinken.
Gabal, Offenbach 2011,
240 Seiten, 19,90 Euro

Was bei diesem Buch zuerst ins Auge sticht, ist die reißerische Aufmachung: Titel und Covergestaltung sind alles andere als dezent, doch bei der medialen Burnout-Flut muss man sich wohl von der Masse abgrenzen. Und das gelingt dem Autor nicht nur auf, sondern auch zwischen den Buchdeckeln recht gut. Sein zentrales Anliegen ist es, Burnout nicht als individuelles Phänomen zu beschreiben, sondern als gesellschaftliches Problem unserer digitalen, globalen und zunehmend entgrenzten Arbeitswelt darzustellen. Väth spricht von strukturellem versus individuellem Burnout.

Im Einleitungskapitel arbeitet er die uns überfordernden Aspekte heutiger Arbeitswelt heraus. Auf wenigen Seiten schlägt er die Brücke von den alten Griechen (die ihre Bürgerrechte wahrnahmen und das Arbeiten tunlichst Sklaven überließen) zu Castingshows im Allgemeinen und Dieter Bohlen im Besonderen. Alles pointiert, manchmal flapsig, meist recht treffend. Auf ähnliche Weise beschreibt er die Burnout-Industrie, den Mythos Multitasking, die Illusion des Zeitmanagements und den Information-Overload. In keinster Weise neu, aber unter dem Fokus Burnout neu zusammengestellt.

Der Autor ist Psychologe und Coach und stellt gängige psychologische Konzepte wie etwa das Flow-Erlebnis oder die erlernte Hilflosigkeit knackig und einprägsam dar. Auch lässt er viele mehr oder weniger relevante Forscher, Autoren oder Kollegen zu Wort kommen. Und schöpft zudem aus einem reichen Fundus eigener Coaching- und Beratungserfahrungen. Alles liest sich gut und unterhaltsam, lediglich die jedem Kapitel vorangestellten Fallbeispiele kommen vergleichsweise hölzern und stereotyp daher. Auf dieses überstrapazierte Stilmittel aus Ratgeberbüchern hätte der Autor gern verzichten können. Und vielleicht hätte er auch den allseits bekannten und beliebten Säbelzahntiger etwas weniger oft durch das Buch streifen lassen sollen.

Das Kapitel „Das Chef-Problem“ hätte etwas mehr bieten können, insbesondere zu Zusammenhängen von Führungsstil (Stichwort „gesund führen“) und psychischen Erkrankungen. Gleiches gilt für psychische Belastungsfaktoren am Arbeitsplatz. Die Aussage, dass in der Definition der für Burnout ausschlaggebenden Umgebungsfaktoren noch Defizite herrschen, stimmt so nicht ganz. Zu deren Erfassung gibt es fundierte Instrumente, wie zum Beispiel das Impulsverfahren (nach Molnar, Geißler-Gruber & Haiden, 2002), die aber de facto zur Burnout-Prophylaxe in Organisationen kaum eingesetzt werden. Womit der Psychologe mit seinem Tenor, dass diese Umgebungsfaktoren zu wenig Berücksichtigung finden, letztlich recht behält.

Fazit: Ein überwiegend gelungener und psychologisch fundierter Rundumschlag, der das Phänomen Burnout von einer gewissen Flughöhe aus betrachtet, ohne oberflächlich zu sein. Das Buch richtet sich an interessierte und betroffene Laien, aber auch als Psychologin habe ich es gern gelesen und manche Anregung mitgenommen.
Dr. Karin von Schumann, Von Schumann Coaching und Consulting, München

Wirtschaftspsychologie-aktuell.de

Weiterführende Informationen:

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