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Fachbuch im Fokus

Biographische Diagnostik2. Februar 2012
Gerd Jüttemann (Hrsg.):
Biographische Diagnostik.
Pabst Science Publishers, Lengerich 2011, 324 Seiten, 40 Euro

Der Herausgeber macht anfangs klar, was der Leser erwarten darf: Es geht um die Sichtung möglichst vieler, relevant erscheinender Aspekte und einschlägig anzusehender bereits vorhandener Ansätze. Was nicht versucht werden solle, sei eine systematische Erschließung des Feldes „Biographische Diagnostik“. So decken die 33 Einzelbeiträge des Buchs ein breites Spektrum ab. Sie gliedern sich in vier große Bereiche. Den Anfang machen Aufsätze zu historischen Wegbereitern wie Dilthey, Freud oder Sartre. Daran schließen Grundlagen-Beiträge an wie etwa über biographische Diagnostik in der Medizin. Der Patient kommt mit subjektiven Erfahrungen zum Arzt, dieser klassifiziert dann die Erfahrungen auf Basis eines objektiven Schemas und stellt eine Diagnose. Häufig entstehen dann viele Einzelbefunde, die den „ganzen“ Kranken und sein subjektives Empfinden aus dem Blick verlieren. Die Beiträge des dritten Themenblocks beschäftigen sich mit methodischen Überlegungen und konkreten Vorgehensweisen. Für die Leser besonders interessant dürfte ein Beitrag von Werner Sarges über das biographische Interview in der Eignungsdiagnostik sein. Er plädiert dafür, keinen vorgefertigten Fragenkatalog abzuarbeiten, sondern den Kandidaten möglichst viele biographische Situationen spontan berichten zu lassen, um dann diagnostisch ergiebige Anschlussfragen zu stellen. Diese Fragen sollten idealerweise den Befragten dazu (ver)führen, Theorien über sich selbst zu bilden, und so den Interviewern aufschlussreiche Einblicke ermöglichen. Abgeschlossen wird der Band von Beiträgen zu konkreten Anwendungsfeldern wie Karriereberatung, Persönlichkeitsentwicklung oder Supervision der Autogenese. Dieser vom Herausgeber geprägte Begriff meint die aktive und eigenverantwortliche Lebens- und Selbstgestaltung. Auch bei abhängig Beschäftigten lässt sich immer mehr ein Zwang zur Eigeninitiative feststellen. Während früher Karrierepfade von der Lehre bis zur Rente meist klar sichtbar waren, müssen Arbeitnehmer heute öfter Entscheidungen treffen, die ihr weiteres Erwerbsleben entscheidend beeinflussen. Man kann also den Berufsverlauf auch als eine Reihe diagnostisch relevanter Situationen betrachten. Aufgabe professioneller Berufs- oder Laufbahnberatung ist es dann, angemessene Kriterien für fundierte Entscheidungen an die Hand zu geben. Gerade angesichts der aktuellen Berichterstattung über Burnout und psychische Erkrankungen als Ursache für Arbeitsunfähigkeit scheint hier Handlungsbedarf vorzuliegen, da viele Menschen mit dem Zwang zur Eigeninitiative überfordert scheinen. Das Versprechen des Herausgebers, viele relevante Aspekte biographischer Diagnostik zu beleuchten, wird zweifelsohne eingelöst, und das Buch ist ein Beitrag zur Theorie-Entwicklung. Wer sich jedoch einen lehrbuchartigen Überblick oder tiefer gehende Diskussionen erhofft, wird nicht glücklich werden. Denn die sind auf den durchschnittlich zehn Seiten eines Beitrags nicht möglich.
Bernd Kaderschabek, Kommunikationsberater, Straubing

Aus: Wirtschaftspsychologie aktuell, 4/2011, "Professionelle Personalauswahl"

Wirtschaftspsychologie-aktuell.de

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