Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Neues eDossier: Stress bewältigen
Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management Neues eDossier: Stress bewältigen Wirtschaftspsychologie aktuell
Wilhelm SchillingLiebe Leserinnen und Leser,

der neueste Trend aus den USA heißt Blitzscaling. Ignoriere deine Kunden, umarme das Chaos, und wachse schnell zu einem tollen Tech-Unternehmen – so beschreibt Reid Hoffman, Mitgründer von LinkedIn und Erfinder von Blitzscaling, seinen neuen Ansatz. Statt Effizienz zählt nur noch Geschwindigkeit. Die Digitalisierung macht‘s möglich. Neue Technologien können heute in rasendem Tempo ganze Branchen umkrempeln oder zerstören. Etablierte Firmen ringen ums Überleben und suchen ihr Heil in Innovationen und Veränderungen ihrer Arbeitsweise. Das Zauberwort heißt Agilität und steht für flexibles, proaktives und initiatives Agieren. Doch das funktioniert nur ohne starre Strukturen und Hierarchien und mit selbstverantwortlichen Mitarbeitern, die gemeinsam im Team den Erfolg des Unternehmens sichern.

Dafür steht New Work. Doch der Begriff ist längst zur Wort-
hülse verkommen, mit der Softwarehersteller, Berater und Coaches ihre Produkte und Dienste anpreisen. New Work sei weder eine Geheimwaffe noch ein Allzweckmittel, schreibt der Psychologe Markus Väth, und das Konzept passe auch nicht für jedes Unternehmen. Mit dem Grundgedanken des Philosophen und Erfinders Frithjof Bergmann hat New Work heute kaum mehr etwas zu tun. Denn die Basis war ein Gesellschaftskonzept, bei dem Menschen ihre meist unbefriedigende Lohnarbeit reduzieren und den Rest der Zeit einer persönlich befriedigenden Tätigkeit nachgehen sollten, die ihren eigenen Stärken und Bedürfnissen entspricht. Kein Wunder, dass Bergmann vor Kurzem in der Zeitschrift „Personalmagazin“ kritisierte: „Für viele ist New Work etwas, was Arbeit ein bisschen reizvoller macht, quasi Lohnarbeit im Minirock.“

Für mehr Attraktivität soll in vielen Organisationen auch das spontane Feedback der Mitarbeiter untereinander sorgen. Statt des jährlichen Mitarbeitergesprächs gibt es Instant-Feedback, und wer besonders viele Punkte von seinen Kollegen erhält, wird von der Personalabteilung entsprechend gut beurteilt. Das Problem: Hier wird Feedback, das eigentlich ein Lob ist, in formale Urteile transformiert – mit allen unterschiedlichen psychologischen Konsequenzen. Wie wichtig die Differenzierung dieser Konzepte ist und wie fatal ihr unreflektierter Einsatz sein kann, beschreibt der Organisationspsychologe Professor Armin Trost.

Psychologische Herausforderungen sind auch ein Grund, warum an den Universitäten entwickelte technologische Innovationen in Deutschland nur selten zu erfolgreichen Firmengründungen führen – trotz unzähliger Förderprogramme. Wie sich Technologien und Teams dabei häufig im Weg stehen, untersuchten Wissenschaftler der Technischen Universität München. Sie fanden heraus, dass es oft an der Professionalisierung teaminterner Prozesse mangelt.

Digital, agil, innovativ – Unternehmen, die den neuen Prämissen folgen, sollten eines nicht vergessen: den Menschen und seine ihm ureigene psychologische Ausstattung.

Ihr Wilhelm Schilling

Diplom-Psychologe, Vorsitzender des Vorstands der Sektion Wirtschaftspsychologie im BDP e. V.