Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Neues eDossier: Stress bewältigen
Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management Neues eDossier: Stress bewältigen Wirtschaftspsychologie aktuell
Dr. SmettanLiebe Leserinnen und Leser,

„2019 wird eine bunte Party“, wirbt ein Veranstalter für sein „Recruiting-Festival“, dort gibt‘s auch „Early Morning Yoga“ und eine „After Show Party“. Andere HR-Veranstaltungen nennen sich „Racer Symposium“, „Unleash“ oder „Recruiter Slam“. Offenbar geht es für Recruiter heute vor allem um eine unterhaltsame Show. Dabei wäre dringend mehr Professionalität angebracht. Schließlich geht es um viel Geld, das durch die Auswahl falscher Mitarbeiter in den Sand gesetzt wird. Kein Wunder, dass Professor Christian Scholz die „grenzenlose Naivität“ mancher Unternehmen kritisiert, die sich im Blindflug der Personalbeschaffung nähern. Spätestens seitdem die Experten der Digitalisierung das Thema Rekrutierung zum Notstandsgebiet erklärt haben, scheinen sich Fragen nach Anforderungsprofilen, Rekrutierungskanälen oder Eignungsdiagnostik in Luft aufzulösen, moniert der renommierte Personalexperte.

Dafür gibt es jetzt künstliche Intelligenz (KI) und Big Data. „Wissenschaft versus KI – Eignungsdiagnostik quo vadis?“, fragt daher der HR-Manager Kevin-Lim Jungbauer und konstatiert nüchtern, dass sich evidenzbasierte Instrumente wie psychometrische Tests trotz großer Bemühungen nicht flächendeckend durchgesetzt haben. Denn die begehrten Bewerber lassen sich eben einfacher durch spannende Spiele als durch schnöde Leistungstests anlocken. Wird die Wissenschaft künftig der Verlierer sein? Der Psychologe rät zur Offenheit und zum Mut für Experimente, ohne die wissenschaftliche Fundierung zu vernachlässigen. Er empfiehlt auch, die Datenanalysen stets kritisch zu hinterfragen. Wie Spielelemente psychologische Online-Testverfahren attraktiver machen und welche Einsatzmöglichkeiten es im Bewerbungsprozess gibt, beschreibt Professor Tim Warszta in seinem Beitrag. Auch er betont: Sobald die Ergebnisse für eignungsdiagnostische Bewertungen genutzt werden – ob zur Selbstselektion potenzieller Bewerber oder zur Vorauswahl durch das Unternehmen –, müssen die psychometrischen Gütekriterien Objektivität, Validität und Reliabilität erfüllt werden.

Wie es um die aktuelle Situation der HR-Mitarbeiter steht und wie sie ihre Zukunft sehen, zeigt die „Recruiter Experience Studie“. Die Ergebnisse sind erst einmal ernüchternd. So sind sie bei 44 Prozent der Stellenbesetzungen nicht an den internen Auswahlentscheidungen beteiligt, und Führungskräfte oder Fachteams bestimmen allein, wer ins Team kommt. Dafür zeigen sich die Recruiter überraschend optimistisch. So glauben drei Viertel, dass die Digitalisierung zu keinem Jobverlust im Recruiting führt.

Es gibt also viel zu tun, und mehr Professionalisierung tut not. Unternehmen, die das beherzigen, haben im Kampf um die Talente einen deutlichen Wettbewerbsvorteil. Oder wie es Professor Scholz formuliert: „Unter Blinden ist der Einäugige König und beherrscht der Zweiäugige die Welt.“

Ihr Wilhelm Schilling

Diplom-Psychologe, Vorsitzender des Vorstands der Sektion Wirtschaftspsychologie im BDP e. V.