Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Neues eDossier: Stress bewältigen
Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management Neues eDossier: Stress bewältigen Wirtschaftspsychologie aktuell
Dr. SmettanLiebe Leserinnen und Leser,

„Die digitalen Technologien halten uns davon ab, unsere Ziele zu erreichen“, kritisiert James Williams, Forscher an der Oxford University und langjähriger Mitarbeiter bei Google. Sie lenken unsere Aufmerksamkeit und stören unsere Konzentration auf eine Aufgabe. Und damit verhindern sie letztlich, dass wir unser Leben so leben, wie wir es eigentlich wollen. Längst bestimmt das Smartphone für viele Menschen den Alltag. Rund zweieinhalb Stunden pro Tag verbringt der durchschnittliche Nutzer mit seinem Gerät und verwendet seine Zeit dabei nicht selten für verlockende, aber nutzlose Apps.

Mit welchen psychologischen Methoden und Tricks Konzerne wie Google, Facebook und Co unsere Aufmerksamkeit ködern und binden, beschreibt der Ulmer Psychologieprofessor Christian Montag in seinem Beitrag. Er beschäftigt sich mit Fragen wie: Wie bauen sie sozialen Druck auf? Was hat es mit dem „Gratismodell“ der IT-Konzerne auf sich? Verändert die tägliche Auseinandersetzung mit digitalen Inhalten langfristig unsere Hirnstruktur und unsere Psyche?

Effizientes Arbeiten erfordert die ungeteilte Aufmerksamkeit und Konzentration auf die momentane Aufgabe. Aber kann man seine Aufmerksamkeit überhaupt teilen? Und falls ja, lässt sich Multitasking trainieren? Diese Fragen aus der psychologischen Kognitionsforschung stellt sich der Aachener Psychologieprofessor Iring Koch und kommt zu dem Schluss, dass Multitasking für viele Situationen nicht unbedingt die beste Lösung ist, sondern eher ein Problem.

Wohin wir unsere Aufmerksamkeit richten, hängt vor allem von der emotionalen Intensität der Reize ab, erklärt Johanna Kißler. Ob sie positiv oder negativ sind, spiele dabei eine geringere Rolle, sagt die Psychologieprofessorin. Allerdings bewirken negative Reize generell mehr Achtsam-keit – vor allem weil sie öfter überraschend sind.

Auch für die Werbung bieten die digitalen Medien noch mehr und vielfältigere Möglichkeiten, das Interesse potenzieller Kunden zu wecken. Doch bisher nervt und verärgert Online-Werbung meist nur. Man fühlt sich verfolgt, gestört und manipuliert. Was dabei falsch läuft, erklärt die Psychologin und Marketingexpertin Ines Imdahl in ihrem Beitrag „Digital Hit, digital Shit?“. Gute Online-Werbung müsse Handlungserweiterungen ermöglichen, Perspektivwechsel offerieren und bewegende Geschichten erzählen.

Wer heute im Dauerstrom unzähliger News die Beachtung anderer gewinnen will, muss auffallen. Kein Wunder, dass Übertreibungen, Provokationen oder Fake News immer weiter zunehmen. Daher gilt es, wachsam zu bleiben und genauer hinzuschauen. Denn wer die Aufmerksamkeit gewinnt, hat häufig auch den Schlüssel für Manipulation und gezielte Verhaltensänderung in der Hand.

Ihr Wilhelm Schilling

Diplom-Psychologe, Vorsitzender des Vorstands der Sektion Wirtschaftspsychologie im BDP e. V.