Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Neues eDossier: Stress bewältigen
Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management Neues eDossier: Stress bewältigen Wirtschaftspsychologie aktuell
Dr. SmettanLiebe Leserinnen und Leser,

keine Frage: Unser Beruf ist ein wichtiger Teil unserer Identität. Und die ist nun bedroht. Das glaubt zumindest der Psychologe Jens Lönneker. Denn bisher haben uns Maschinen vor allem die monotonen und anstrengenden Arbeiten abgenommen. Aber nun werden sie immer intelligenter. Wenn künftig ein von einem Algorithmus gesteuertes System besser operiert als ein Chirurg oder Bewerber effizienter auswählt als ein Personalmanager, führe das zur psychologischen Entwertung intelligenter Arbeit und damit zu einer Identitätskrise. Stattdessen erwächst heute der Wunsch nach Berühmtheit und Bekanntheit im Internet, erklärt Lönneker in seiner Analyse. Psychologisch werde der Verlust an Einflussmöglichkeiten bei den klassischen Formen der Arbeit durch Entertainment und Performance – vor allem in den sozialen Medien – kompensiert.

Ein interessanter Gedanke. Statt Wissen und Können zählen dann Klickzahlen und Likes. Und vielleicht können Unternehmen künftig die besten Talente nur noch mit dem Versprechen gewinnen, sie zu Instagram- oder Youtube-Stars zu machen?

Auch im Recruiting hat die Digitalisierung längst Einzug gehalten. Kommunikation mit dem Chatbot, Bewerber­auswahl durch Algorithmen sind nur die ersten Schritte zum Robot Recruiting, wie der Recruitingexperte Professor Wolfgang Jäger berichtet. Gerade bei der Personalauswahl zeigen sich die beiden Seiten der Digitalisierung. Einerseits bieten Algorithmen die Möglichkeit, unfaire und voreingenommene Entscheidungen – wie sie Menschen eben manchmal treffen – zu vermeiden. Andererseits besteht die Gefahr, dass am Ende keiner mehr weiß, wie die lernenden Maschinen ihre Entscheidungen treffen, und so eine neue Form der Intransparenz entsteht. Dazu kommt die Dynamik des Marktes. Anbieter neuer Software, oftmals mit Millionenbeträgen von Investoren finanziert, brauchen den schnellen Gewinn. Da bleiben Verantwortung und Gewissen nicht selten auf der Strecke.

Die Digitalisierung verändert nicht nur viele Lebensbereiche, sie ermöglicht auch den Ausstieg aus der realen Welt und das komplette Eintauchen in ein virtuelles Erlebnis, etwa mittels Virtual-Reality-Videos. Kein anderes Medium biete einen so unmittelbaren Zugang zur Psyche des Anwenders, schreibt der Psychologe Benjamin Schöne. Seine Studien zeigen, dass sich das Gehirn an virtuelle Erlebnisse genauso erinnert wie an reale. Auch sie werden Teil unserer persönlichen Biografie und haben so Einfluss auf unser zukünftiges Denken, Handeln und unsere Entscheidungen. Das ist faszinierend und beängstigend zugleich.

Gerade für Psychologen bietet die Digitalisierung eine Fülle interessanter Fragestellungen. Denn allen technologischen Möglichkeiten zum Trotz – die Art und Weise, wie unser Gehirn funktioniert, hat sich nicht verändert.

Ihr Wilhelm Schilling

Diplom-Psychologe, Vorsitzender des Vorstands der Sektion Wirtschaftspsychologie im BDP e. V.