Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Neues eDossier: Stress bewältigen
Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management Neues eDossier: Stress bewältigen Wirtschaftspsychologie aktuell
Dr. SmettanLiebe Leserinnen und Leser,

sie halten sich für die Größten, sind taub gegenüber Kritik, rücksichtslos und schikanieren ihre Mitarbeiter – glaubt man den zahlreichen Berichten und Anekdoten über das Wirken von Topmanagern, dann hapert es bei ihrer Persönlichkeit. Häufig ist auch von der „Dunklen Triade“ die Rede, einer Kombination aus Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie, die man angeblich nun einmal brauche, um an die Spitze zu kommen und sich dort zu halten.

Empirisch belegt sind die Zusammenhänge zwischen problematischen Persönlichkeitsmerkmalen und Führungserfolg bisher nicht. Im Gegenteil, vor allem der zwischenmenschliche Flurschaden dürfte groß sein, den die damit verbundenen Verhaltensweisen verursachen. Und glaubt man den Umfragen, dann hat die Mehrheit der Deutschen schon einmal wegen eines Vorgesetzten gekündigt. Umso wichtiger wäre es daher, dass Unternehmen die dunklen Seiten ihrer künftigen Topmanager genauer unter die Lupe nehmen. Seit Kurzem gibt es dafür auch ein für den beruflichen Kontext passendes Verfahren.

Doch welche Rolle spielt die Persönlichkeit eines Managers überhaupt für seine Leistungen als Führungskraft? Eine erstaunlich geringe, schreibt Psychologieprofessor Uwe Peter Kanning in seinem Beitrag „Mythos Führungspersönlichkeit“. Denn letztlich komme es vor allem auf die individuelle Passung des Menschen zu den spezifischen Anforderungen einer konkreten Führungsposition an.

Dabei stehen gerade Nachfolgerinnen in Familienunternehmen vor einer besonderen Gratwanderung: Im Unternehmen geht es um Leistung, in der Familie dagegen um Bindung und Kontinuität. Das birgt emotionalen Zündstoff und führt nicht selten zu Selbstzweifeln. Ein Vignetten- Leitfaden kann als Trainingstool Unternehmerinnen dabei unterstützen, reflektierter und bewusster mit Konfliktsituationen im Führungsalltag umzugehen.

Dass auch Erfolg nicht vor Versagensängsten schützt, zeigt das Hochstapler-Phänomen: Manager zweifeln an ihrer Kompetenz und schreiben ihre Leistungen vor allem glücklichen äußeren und damit unkontrollierbaren Faktoren zu. Wie sich das auf ihr Führungsverhalten auswirkt, hat die Psychologieprofessorin Myriam Bechtoldt untersucht und kam zu einem erstaunlichen Ergebnis. Unsichere Chefs fördern eher Mitarbeiter mit ähnlichen Selbstzweifeln. Das hat nicht nur Folgen für die Karriere ihrer Mitarbeiter, sondern auch für das Unternehmen. Denn auf Dauer nimmt so die Diversität ab.

Auch wenn es die Formel für die ideale Chef-Persönlichkeit nicht gibt, Führungskräfte müssen sich heute mehr denn je auch über ihre eigene Psyche klar werden. Wer in der immer komplexeren und dynamischeren Wirtschaft überleben will, braucht nicht nur Fachkompetenz, sondern muss auch wissen, wie er selbst tickt und wie das seine Entscheidungen beeinflusst.

Ihr Wilhelm Schilling

Diplom-Psychologe, Vorsitzender des Vorstands der Sektion Wirtschaftspsychologie im BDP e. V.