Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Neues eDossier: Stress bewältigen
Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management Neues eDossier: Stress bewältigen Wirtschaftspsychologie aktuell
Dr. SmettanLiebe Leserinnen und Leser,

jeder kennt den Spruch: Der (oder die) hat eine steile Karriere gemacht. Gemeint ist dabei fast immer ein Aufstieg innerhalb der Hierarchie einer Organisation. Der Verkäufer wird zum Vertriebschef, der Ingenieur zum Technikleiter. Doch solche Aufstiegskarrieren werden immer seltener. Denn Führung hat sich verändert. Die Hierarchien werden flacher, Teamarbeit oft virtueller, und viele Aufgaben werden inzwischen von Projektteams übernommen. Statt des Aufstiegs auf der Karriereleiter gibt es heute immer häufiger horizontale Karrieren. Man bleibt auf derselben Ebene, übernimmt aber andere und häufig anspruchsvollere Aufgaben.

Grund für den Wandel ist oft der globale Wettbewerb, der die Unternehmen immer wieder zu Anpassungen und damit verbundenen Umstrukturierungen zwingt. Die Kurzfristigkeit, mit der Entscheidungen heute getroffen werden müssen, macht langfristige Karriereplanungen obsolet und erfordert von den Mitarbeitern mehr Flexibilität und Mobilität. Den Notwendigkeiten des Marktes steht auf der anderen Seite der Wunsch vieler Mitarbeiter nach einer besseren Work-Life-Balance gegenüber. Man lebt nicht mehr, um zu arbeiten. Der Job soll sich dem Lebenszyklus anpassen. Zeiten intensiver Arbeit wechseln ab mit Familienpausen oder Sabbaticals. Andere gründen ihre eigene Firma oder arbeiten eine Weile in einer Non- Profit-Organisation. Statt festgezurrter Laufbahnen sind flexible Karrierewege gefragt.

Unternehmen müssen sich daher umstellen und stärker als bisher auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter Rücksicht nehmen. Das stellt Personalmanager vor neue Herausforderungen. Denn die Nachfolgeplanung wird deutlich komplizierter. Statt – wie häufig bisher – vor allem eine Person auf die Übernahme einer Position vorzubereiten, muss die Qualifikation von Jobgruppen sichergestellt werden. Wer dann letztlich den Job übernimmt, entscheidet sich immer kurzfristiger.

Auch die Motivationstreiber haben sich verändert. Führungs- und Machtanspruch verlieren an Bedeutung. Lernmöglichkeiten, fachliche und persönliche Weiterentwicklung, herausfordernde Aufgabenstellungen, freundschaftliche Beziehungen am Arbeitsplatz und nicht zuletzt Spaß im Job werden wichtiger. Dabei muss der Job zu den intrinsischen Motiven passen. Der eine ist eher interessiert an Status, der andere an stabilen Beziehungen oder an einem hohen Maß an Autonomie. Karriereplanung muss daher nicht nur individueller und passgenauer werden, Mitarbeiter brauchen auch mehr Beratung, welcher Job zu ihnen passt.

Mehr Vielfalt bei der Karriere erhöht auch die Gefahr des Scheiterns. Nicht immer sind die Übergänge nahtlos, Phasen der Arbeitslosigkeit gehören nicht selten dazu. Der konstruktive Umgang mit Karrierebrüchen wird zur wichtigen Ressource. Hier sind Karriereberater und Coaches gefragt. Dabei geht es nicht nur – wie häufig im Coaching – um die Optimierung der Karriere, sondern auch um die Auseinandersetzung mit dem eigenen Versagen und mit Gefühlen wie Trauer oder Verlust. Und es geht um die professionelle und psychologische Bearbeitung dieser oft schmerzlichen Prozesse. Nur wenn dies gelingt, ist der Weg frei für die weitere Karriere – wie auch immer diese aussehen mag.


Ihr Dr. Wilhelm Schilling

Diplom-Psychologe, Vorsitzender des Vorstands der Sektion Wirtschaftspsychologie im BDP e. V.

PF