Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Neues eDossier: Stress bewältigen
Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management Neues eDossier: Stress bewältigen Wirtschaftspsychologie aktuell
Wilhelm SchillingLiebe Leserinnen und Leser,

Keine Frage – die Arbeitswelt wird immer belastender. Der globale Wettbewerb erfordert größere Effizienz, die Leistungsanforderungen an den Einzelnen steigen, und die modernen Technologien sorgen für ständige Erreichbarkeit. Längst gibt es Menschen, die nicht mehr ohne ihr Smartphone ins Bett gehen und die morgens ihre E-Mails checken, noch bevor sie unter die Dusche gehen.

Doch sind die Anforderungen im Unternehmen so hoch, dass ihnen keiner mehr entfliehen kann? Oder liegt es nicht auch am Einzelnen, der sich nicht mehr abgrenzen kann und sich selbst zum Sklaven seiner Arbeit macht? Auch hier helfen einseitige Schuldzuweisungen nicht. Die Unternehmen stehen ebenfalls in der Pflicht, aktiv gegen den Stress am Arbeitsplatz zu werden. Dazu gehört vor allem auch die psychologische Komponente der Belastung. Wer ständig Angst vor seinem Chef hat, versetzt sich selbst in einen permanenten Stresszustand. Doch viele Vorgesetzte merken gar nicht, wie sie ihre Mitarbeiter durch ihr Verhalten unter Druck setzen oder sogar verletzen. Sie übersehen die kränkende Wirkung unklarer Kommunikationsstrukturen, unzureichender Arbeitsaufträge oder ungerechter Behandlung, wie die Psychologin Bärbel Wardetzki in ihrem Beitrag darstellt.

Führungskräfte müssen daher mehr denn je auf die Befindlichkeiten ihrer Mitarbeiter achten und notfalls gegensteuern. Hier sind die Unternehmen gefordert, sie dafür zu sensibilisieren und für eine gesunde Führung zu sorgen. Unumgänglich ist dabei auch der Blick auf die eigene Kultur. Wo Stress als Ausdruck von Wichtigkeit gilt und Mitarbeiter stolz auf ihre Erschöpfung sind, helfen nur klare Regeln. Überstunden dürfen keine Trophäe, ständige Erreichbarkeit darf kein Ausdruck für Engagement mehr sein. Erste Unternehmen haben das erkannt und steuern gegen. So gibt es bei der Telekom bereits eine „Blackberry-Richtlinie“: Abends und am Wochenende müssen keine E-Mails beantwortet werden.

Hinterfragt werden muss aber auch die in unserer Gesellschaft geltende Prämisse „Zeit ist Geld“. Denn sie suggeriert, dass Zeit stets wertschöpfend genutzt werden muss – auch in der Freizeit. Immer mehr Menschen müssen erst wieder lernen, auch einmal völlig unproduktiv und wertschätzend mit ihrer Zeit umzugehen. Manchmal entstehen die besten Ideen gerade beim scheinbar unproduktiven Nichtstun. Doch im täglichen Rattenrennen haben viele längst das Gefühl für sich selbst verloren. Für sie gibt es inzwischen Stress-Apps fürs Smartphone, die anzeigen, wie gestresst man gerade ist, und Tipps zur Entspannung geben. Für so manchen mag das ein nettes Spielzeug sein. Doch noch wichtiger wäre es – allen technologischen Entwicklungen zum Trotz – wieder selbst sensibler für das eigene Befinden zu werden und rechtzeitig die Bremse zu ziehen, bevor die Stress-Falle zuschnappt.


Ihr Wilhelm Schilling

Diplom-Psychologe, Vorsitzender des Vorstands der Sektion Wirtschaftspsychologie im BDP e. V.