Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Neues eDossier: Stress bewältigen
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Dr. SmettanLiebe Leserinnen und Leser,

was Ende der 80er-Jahre noch etwas Exotisches und Geheimnisvolles war, gehört heute zum Standard. Coaching hat eine steile Karriere gemacht. Coaching gibt es heute für alles und jeden und von jedem. Aus der ehemals exklusiven Beratung ist ein Massenprodukt geworden. Der Sporttrainer ist Fitness-Coach, die Kosmetikerin wird zum Beauty-Coach, und selbst der Computerfachmann ist heute ein IT-Coach. Und auch die Zahl abstruser Angebote wächst. Das ist die eher negative Seite.

Doch auch das seriöse Coaching hat eine beispiellose Karriere gemacht. Die Einzelberatung ist heute eine etablierte und anerkannte Maßnahme der Personalentwicklung, die besser und wirkungsvoller als ein Seminar oder Training auf die aktuellen Probleme eines Mitarbeiters eingehen kann und mit der sich notwendige Kompetenzen aufbauen lassen. Galt Coaching vor ein paar Jahren noch als Maßnahme für Mitarbeiter mit Defiziten, die eine Extra-Behandlung brauchen, hat sich das Image komplett verändert. Wer heute ein vom Unternehmen finanziertes Coaching bekommt, gilt oft als einer der Besten, in den das Unternehmen investiert. Der Coach als Insigne für echte Leistungsträger.

Aber was kann Coaching wirklich leisten? Die Gründe, warum jemand zum Coaching kommt, sind vielfältig. Da geht es zum Beispiel darum, sein Führungsverhalten zu optimieren, einen Konflikt zu lösen, eine neue Aufgabe vorzubereiten oder eine positivere Work-Life-Balance zu gestalten. Wer ins Coaching kommt, will etwas verändern. Doch hier gibt es auch Grenzen. Zwar lassen sich berufliche Situationen und Verhalten – wenn auch nicht immer einfach – ändern, nicht jedoch grundlegende Persönlichkeitsmerkmale wie die individuelle Motivstruktur. Wer seine Erfüllung in der Bearbeitung von Sachproblemen sieht, wird kaum auf Dauer eine gute Führungskraft werden. Ihm fehlt einfach die innere Motivation dafür. Ohne fundierte psychologische Kenntnisse kann Coaching daher schnell zum Irrweg werden.

Aber Psychologie allein genügt nicht. Wer Führungskräfte coacht, muss auch wissen, wie Unternehmen ticken und welchen – oft widersprüchlichen – Leitbildern sie folgen. Denn längst haben Führungskräfte nicht mehr alles in ihrem Bereich unter Kontrolle, obwohl das nach wie vor von ihnen erwartet wird. Auch hier kann der Coach helfen, nicht immer bei einer Lösung, aber bei der Erkenntnis der widersprüchlichen Anforderungen und vor allem auch beim Umgang mit ihnen.

In einer Welt, die immer komplexer und schneller wird, steht dem Coaching eine rosige Zukunft bevor. Dabei wird es aber auch immer schwieriger für seriöse Coachs, sich nachhaltig von den zahllosen Scharlatanen und Möchtegern-Coachs abzuheben. Doch es lohnt sich, und letztlich wird sich auch hier Qualität durchsetzen.

 

Ihr Dr. Jürgen Smettan