Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Neues eDossier: Stress bewältigen
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Dr. SmettanLiebe Leserinnen und Leser,

War for Talents, Employer Branding und Social Media gehören wohl zu den derzeit häufigsten Schlagwörtern, wenn es um die Suche nach neuen Mitarbeitern geht. Der demografische Wandel und der drohende Fachkräftemangel bilden dabei die entsprechende Drohkulisse. Denn nur Unternehmen, denen es gelingt, die besten Kandidaten für sich zu gewinnen, werden auch künftig erfolgreich sein.

Dementsprechend wird das Image als Arbeitgeber aufgehübscht. Schließlich stehen unzählige Agenturen und Berater bereit, um auch aus der grauesten Maus eine attraktive Schönheit zu machen. Dass die Authentizität dabei häufig auf der Strecke bleibt, wird meist stillschweigend in Kauf genommen. Auch dass die aufwendig gewonnenen Talente oft schnell frustriert sind, wenn sie merken, dass der Arbeitsalltag so gar nicht mit dem Employer Branding übereinstimmt, wird nicht selten als Kollateralschaden verbucht. Besonders perfide ist dabei die Werbung mit falschen psychologischen Verträgen. Will man die Talente gewinnen, gaukelt man ihnen oft einen Vertrag à la „Kindergarten“ vor: Bei uns bekommst du alles, was du dir wünschst. Ist der Fisch erst mal an der Angel, schaltet so manches Unternehmen schonungslos auf Feudalismus um. Was zählt, ist nur noch der eigene Nutzen, nicht die Bedürfnisse der Talente.

Die scheinen auch bei dem aktuellsten Trend bisher keine große Rolle zu spielen: dem Recruiting per Social Media. Schließlich lockt hier – dank Facebook, Xing und Co – der einfache und scheinbar kostengünstige Zugriff auf die Masse. Doch wollen Talente überhaupt über Facebook von Unternehmen angesprochen werden? Eine Umfrage bei knapp 600 Studenten zeigt das Gegenteil. Facebook ist für die meisten Privatsache. Gefragt sind dagegen persönliche Kontakte. Auf den Menschen kommt es an und auf sein Interesse an der Person des potenziellen Mitarbeiters – und nicht nur an einer Humanressource. Arrogante Mitarbeiter am Stand einer Karrieremesse konterkarieren die aufwendigen Employer-Brand-Kampagnen daher genauso wie Online-Bewerbungen, die im Nirwana verschwinden.

Nur ein durchgängiges und ganzheitliches Talentmanagement, das auch die vorhandenen Mitarbeiter einbezieht, kann langfristig erfolgreich sein. Doch das erfordert Zeit, und die fehlt häufig. Denn Talentmanagement ist meist nur aktuell, wenn es bereits brennt. Dann wird mit wildem Aktionismus um die besten Talente gebuhlt. Aber sobald die Konjunktur ein bisschen schwächelt, werden die mühsam umgesetzten Konzepte wieder obsolet oder sogar mutwillig zerstört. Wie kurzsichtig Unternehmen hier oft reagieren, ließ sich gut in der Finanzkrise beobachten. Da gab es nicht nur Einstellungsstopps, auch Weiterbildungsmaßnahmen und Personalmarketing-Aktivitäten wurden bisweilen radikal gestrichen.

Kontinuität, Authentizität und ein ehrliches Interesse am Menschen scheinen daher wesentliche Faktoren zu sein, um als Unternehmen auch künftig die besten Talente für sich zu gewinnen. Dabei ist weniger manchmal mehr.

 

Ihr Dr. Jürgen Smettan