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Ärger des Monats

9. August 2018

Recruiting-Kongress: Unterhaltsamer Unsinn

„Seit der Jahrtausendwende ist es uns möglich den psychogenetischen Code einer Person, ihre PsychoDNA, zu berechnen. Wir können mittlerweile also alles in Sachen Persönlichkeit berechnen, z.B. wie jemand mit Geld umgeht und ob jemand in der Lage ist loyal zu sein und zwar dem Unternehmen gegenüber und nicht nur sich selbst“. So steht es auf der Website der selbsternannten „Profilerin“ Suzanne Grieger-Langer. Und noch besser: Um das „Profiling“ eines Bewerbers zu erstellen, braucht sie nur den Namen, das Geburtsdatum und ein Foto und muss die Person selbst nie getroffen haben.

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Klingt völlig absurd? Offenbar nicht für die Quadriga Media Berlin GmbH und den Human Resource Manager, dem offiziellen Magazin des Bundesverbandes der Personalmanager (BPM). Denn bei den von beiden veranstalteten „Social Recruiting Days“ im Oktober ist Grieger-Langer sogar die Top-Speakerin zum Auftakt der zweitägigen Veranstaltung. Titel ihres Vortrags: „Profiling People: Die Macht der Menschenkenntnis“.

Vorgestellt wird sie dabei so: „Suzanne ist Europas unangefochtene Profilingexpertin. Ihr USP ist die Erstellung von Charakterprofilen auf dem Niveau des psychogenetischen Codes.“
Wie sie dabei vorgeht, ist in einem Artikel der „Süddeutschen Zeitung“ vom Mai 2010 nachzulesen. „Manche Personen kann man in drei Minuten lesen“, behauptete sie dort. Das sei eben wie bei der DNA, wo auch schon eine Hautschuppe genüge. Dabei analysiert sie auch Frisur, Brillentyp und Körperform. Sogar Graphologie gehört zu ihrem Repertoire.

Eröffnet, moderiert und beendet werden die „Social Recruiting Days“ von der Leiterin der BPM-Bundesgeschäftsstelle, Katharina Schiederig. Doch wie passt das zu einem Verband, der sich selbst als „führende berufsständische Vereinigung für Personalmanager und Personalverantwortliche aus Unternehmen, Verbänden und anderen Organisationen“ bezeichnet und einen Beitrag zur „Professionalisierung, Qualifizierung und Internationalisierung“ des Berufsstandes leisten will?

Immerhin sitzen im BPM-Präsidium Personalvorstände namhafter Unternehmen. Präsidentin ist Elke Eller, Personalvorstand beim Touristikkonzern Tui, ihre drei Stellvertreter sind Thomas Belker, Personalvorstand bei der Talanx Versicherung, Immanuel Hermreck, Personalvorstand bei Bertelsmann, und Christa Stienen, Senior Vice President Corporate HR bei LSG Sky Chefs.

Doch das Präsidium schweigt. Stattdessen antwortet BPM-Geschäftsstellenleiterin Schiederig. Mit der Auswahl der Referenten habe der BPM nichts zu tun und das HRM Magazin sei eine Quadriga-BPM-Kooperation und kein reines Verbandsmagazin. Also alles Quadriga?

Hinter Quadriga Media steht Rudolf Hetzel. Sein Imperium veranstaltet nicht nur Kongresse und Seminare, gibt verschiedene Magazine heraus, verleiht diverse Awards und betreibt die Quadriga Hochschule, sondern stellt auch die Geschäftsstellen mehrerer Verbände, darunter auch die des BPM. Damit wäre wohl auch Schiederig eine Mitarbeiterin von Quadriga.

Dort habe man sich trotz der zum Teil eher „unwissenschaftlichen“ Methoden für Frau Grieger-Langer entschieden, da sie „als Referentin einen hohen Entertainment-Faktor mitbringt und von Teilnehmern in der Vergangenheit immer wieder gewünscht wurde“, schreibt die BPM-Vertreterin. Dazu gehören auch die Teilnehmer des vom BPM jährlich veranstalteten Personalmanagementkongresses.

Und zudem sei mit Professor Uwe Kanning, der den Abschlussvortrag bei den „Social Recruiting Days“ halten soll, „bereits der wissenschaftliche Faktor gewährleistet“. Der Wirtschaftspsychologe, der bekannt ist für seine kritischen Vorträge zu Scharlatanen im Personalbereich, fungiert also quasi als „wissenschaftliches Feigenblatt“ am Ende des Kongresses. Da dürften viele Teilnehmer bereits abgereist sein – tief beeindruckt von der „Entertainment-Keynote“ der Erfinderin der abstrusen PsychoDNA.

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Die Kritik an der „Profilerin“ (dass sie bei der Darstellung ihrer Qualifikationen und angeblichen Lehraufträge – zumindest in der Vergangenheit – kräftig gelogen hat und sich sogar fälschlicherweise als Psychologin, Psychoanalytikerin und Psychotherapeutin bezeichnete) sei Quadriga bekannt, so Schiederig. Auch dass die bei ihrem Profiling vorgenommene Datensammlung nach der Datenschutzgrundrundverordnung unzulässig ist, scheint kein Problem zu sein.

Wer einen Recruiting-Kongress mit derartigen Scharlatanen eröffnet, zeigt mehr als deutlich, dass es ihm nicht um Professionalisierung geht. Dabei wäre die dringend notwendig. Denn die Auswahl der passenden Mitarbeiter ist für viele Unternehmen eine der größten Herausforderungen. Und dafür brauchen HR-Mitarbeiter eine seriöse und fundierte Eignungsdiagnostik und keinen unterhaltsamen Unsinn.

Update: Ärger mit Wirkung

Nachdem die beiden HR-Blogs persoblogger.de und personalmarketing2null.de das Thema kritisch aufgegriffen haben und HR-Manager das Engagement der „Profilerin“ Suzanne Grieger-Langer bei den Social Recruiting Days auch auf Linkedin
deutlich kritisierten, hat Quadriga die Konsequenzen gezogen.
Grieger-Langer ist nicht mehr Keynote-Speakerin bei der Eröffnung der Social Recruiting Days. Und der Bundesverband Deutscher Personalmanager (BPM), dessen Geschäftsstellenleiterin den Kongress eröffnen, moderieren und beenden sollte, ist auch nicht mehr dabei, wie haufe.de schreibt.
Dabei hatte sich der BPM, dessen Geschäftsstelle von Quadriga gemanagt wird, zunächst damit herausgeredet, nichts mit der Auswahl der Referenten zu tun zu haben. Doch wie stark der BPM letztlich von Quadriga gesteuert wird, ist ungeklärt. Laut einer Quadriga-Website ist Quadriga als Geschäftsstelle des BPM nicht nur für das Veranstaltungsmanagement, sondern auch für die „strategische Organisationsentwicklung“ zuständig.

Bärbel Schwertfeger

Bärbel Schwertfeger,
Chefredakteurin von Wirtschaftspsychologie aktuell,
spürt Absurditäten, Absonderlichkeiten und Fehltritte in der HR-Welt auf


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