Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Neues eDossier: Stress bewältigen
Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management Neues eDossier: Stress bewältigen Wirtschaftspsychologie aktuell

Ärger des Monats

9. April 2018

Siegel-Bluff

Fachkräfte sind rar. Da muss man schon was tun, um gute Bewerber anzulocken. Zum Glück gibt es unzählige Anbieter, die allerlei Siegel verleihen. Für den besten, den fairsten, den familien- oder den fahrradfreundlichsten Arbeitgeber. Rund 200 solcher Auszeichnungen soll es mittlerweile geben. Nach welchen Kriterien die Top-Arbeitgeber ausgewählt werden, ist dabei nicht immer transparent. Bei manchen werden die eigenen Mitarbeiter befragt, bei anderen muss man Fragebogen ausfüllen und bisweilen genügen schon ein paar Tausend Euro, um sich mit einem goldenen Siegel schmücken zu dürfen.

Alle Hefte im Überblick

Doch nun gibt es das ultimative Meta-Siegel. „Hohe Validität. Die umfassendste und objektivste Auszeichnung auf dem deutschen Markt“, wirbt Leading Employers. „Es handelt sich um eine analog zum Stiftung-Warentest-Prinzip unabhängig durchgeführte Untersuchung auf der Basis mehrerer Millionen Meta-Daten.“ Und was natürlich noch viel besser ist: „Kein zusätzlicher Aufwand für Sie und Ihr Team. Bereits erfolgte, auf Sekundärdaten basierende Analyse“, schreibt die Ende 2017 gegründete 3.works GmbH, die die Leading-Employers-Auszeichnung verantwortet und dazu im April ein eigenes Magazin herausgeben will.

Auswertung von Sekundärdaten und Stiftung Warentest – das passt zwar nicht zusammen, weil deren Bewertungen stets auf eigenen Tests beruhen. Aber dafür gibt es eine „ganzheitliche Analyse auf Basis von aggregierten Datensätzen“. Einbezogen werden unter anderem Untersuchungen, die die „Personalinstrumente und Angebote des Arbeitgebers auditieren und validieren“ wie etwa die Zertifizierung vom Top Employers Institut, das die HR-Instrumente eines Unternehmens überprüft.

Allerdings fragt man sich, was der neue Siegel-Anbieter da überhaupt analysiert. Denn veröffentlicht wird lediglich, welche Unternehmen zertifiziert sind. Die detaillierte Auswertung bekommen nur die jeweiligen Unternehmen. Ähnliches gilt für die Image-Befragungen von Studenten wie von Trendence und Universum.

Aber schließlich wird auch noch die „HR-Expertise“ ausgewertet. Je aktiver Personaler bei HR-Verbänden sind, desto besser soll das Unternehmen als Arbeitgeber sein. „Für die Förderung von Nachwuchskräften ist die Weitergabe von Wissen innerhalb solch professioneller Netzwerke essentiell“, schreibt Alexander Berndt von Leading Employers. Eine steile, aber leider ungeprüfte These.

Das Verhängnisvollste an dem Big-Data-Bluff ist jedoch die Medienpartnerschaft mit dem Zeit-Verlag, die in den Werbeunterlagen auffallend stark in den Vordergrund gestellt wird. „Der Zeit Verlag ist mit dem Unternehmen lediglich eine kleinere Kooperation für den Vertrieb des Magazins eingegangen“, schreibt die Zeit auf Anfrage. Dass der damals für die Kooperation zuständige und heute nicht mehr für den Verlag tätige Zeit-Anzeigenleiter inzwischen Vorsitzender des Beirats von Leading Employers ist, macht die Sache nicht gerade besser.

Letztlich geht es wie bei vielen „Auszeichnungen“ natürlich vor allem um den Verkauf der Lizenz zur Siegel-Nutzung. Für die müssen Unternehmen ab 500 Mitarbeitern bei Leading Employers jährlich 9.900 Euro plus Mehrwertsteuer hinblättern.

Genauso viel kostet das neue Deutschlandtest-Siegel „Höchste Fairness im Job“ von Focus und Focus Money. „Der Auszeichnung liegt eine umfangreiche Analyse der Kommunikation zur Fairness im Job in Foren, Blogs, Communities, Twitter, Facebook und in Online-Medien zu Grunde“, schreibt Focus. Dabei seien für 10.000 Unternehmen 22 Millionen Aussagen ausgewertet worden.

Wissenschaftlich begleitet wurde der digitale Lauschangriff – das sogenannte Social Listening – von Professor Werner Sarges, der „durch seine Arbeit als Personaldiagnostiker an der Helmut-Schmidt-Universität bekannt ist“. Der hält die „ungefragten Äußerungen im Netz“ sogar für valider als die üblichen „respondenten Äußerungen“ in Fragebögen, auch wenn es noch erhebliche methodische Herausforderungen gebe.

„Wie kann es sein, dass da ein Unternehmen wie Koki Technik Transmission Systems, das weder über eine Facebook-, noch über eine Twitter-Präsenz oder über ein Linkedin-Profil verfügt und auf Kununu eher eine weniger positive Bewertung bekommt, unter die Auswahl der Unternehmen fällt, die für Höchste Fairness im Job stehen“, fragt sich Personalblogger Henner Knabenreich beim Blick auf die ausgezeichneten Unternehmen.

Die Ergebnisse basierten im Wesentlichen auf der Befragung von 10.000 Unternehmen, seien aber mit Befunden aus dem Social Listening – soweit solche ebenfalls vorlagen – abgeglichen wurden, erklärt Wissenschaftler Sarges. Doch das ist nicht die einzige Unstimmigkeit. Von den 10.000 Unternehmen, zu denen laut Focus 22 Millionen Aussagen ausgewertet wurden, haben nur weniger als zehn Prozent mitgemacht.

Geprüfte Fachinfos
Jetzt zwei neue Hefte der Zeitschrift lesen.
Hier mehr erfahren.

Nun sind Focus und Focus Money berühmt-berüchtigt für ihre teils abstrusen Auszeichnungen. Erst vor kurzem wurde die FOM Hochschule als beste Business School Deutschlands ausgezeichnet. Das ist ungefähr so als ob man einen Fiat Panda zum besten Sportwagen der Luxusklasse kürt. Unvergessen ist auch die 2016 veröffentlichte und mehr als fragwürdige Liste von 500 Top Coaches in Kooperation mit dem Karrierenetzwerk Xing. Damals brüstete sich Focus damit, 77.000 Personalmanager befragt zu haben. Geantwortet hatten 583.
 
Viele Konsumenten wollen und brauchen eben eine Orientierung, meint Social-Listening-Fan Sarges: „Und da machen wir nun mit. Aber das tun wir in verantwortungsbewusster Weise.“

Bärbel Schwertfeger

Bärbel Schwertfeger,
Chefredakteurin von Wirtschaftspsychologie aktuell,
spürt Absurditäten, Absonderlichkeiten und Fehltritte in der HR-Welt auf


© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2018. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Im Archiv des Ärgers des Monats können Sie alle früheren Beiträge nachlesen.

Im Themenschwerpunkt „Clever entscheiden“ stehen neue Erkenntnisse zu integrativem Denken, Algorithmen bei der Personalauswahl, Entscheidungsfindung und Entscheidungsfallen.

Die Wirtschaftspsychologie aktuell im Schnupper-Abo testen.

Den monatlichen Newsletter der Zeitschrift bestellen.

Im Archiv ab 2001 blättern.