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Ärger des Monats

20. April 2015

Die Entlarvungs-Experten

Sie wollen wissen, wie Ihr Mitarbeiter wirklich über Sie denkt? „Lügenpapst Jack Nasher präsentiert die effektivsten Verhörtechniken der psychologischen Forschung und internationaler Geheimdienste, die Sie sofort in den Alltag umsetzen können“, heißt es auf dem Buch-Cover. Er versorgt Sie mit „knallharten Manövern der Profis“ und „so wird aus Ihnen ein menschlicher Lügendetektor!“

Alle Hefte im ÜberblickGeht es nach dem Autor des Buches „Entlarvt!“, sollen sich Führungskräfte und Personalmanager als Hobby-Ermittler betätigen und ihre Mitarbeiter damit quasi auf die Stufe von vermeintlichen Kriminellen stellen. Selbst umstrittene Verhörtechniken, wie die von einem US-Polizisten entwickelte Reid-Methode, präsentiert er ausführlich und auffallend unkritisch. Die Verhörtechnik verstößt in Deutschland gegen die Strafprozessordnung, weil sie die Willensfreiheit eines Tatverdächtigen durch Täuschung beeinträchtigt und zudem laut Experten zu einer hohen Rate von falschen Geständnissen bei Verdächtigen führt.

Bei Speakers Excellence, der Redner-Agentur mit den größten Selbstdarstellern, wird Nasher nicht nur als „Deutschlands bekanntester Lügenexperte“, Wirtschaftspsychologe, Jurist und internationaler Bestsellerautor bezeichnet, sondern sogar als „der meistgelesene Wirtschaftspsychologe Kontinentaleuropas“. Doch einen Hinweis über den Abschluss eines Psychologie-Studiums findet man nicht. Er habe einen Magister in Philosophie mit dem Hauptfach Psychologie an der Universität Trier erworben, behauptet Nasher. Dass das keinem ordnungsgemäßen Psychologie-Studium entspricht und er sich daher nicht als Wirtschaftspsychologe bezeichnen darf, weist er brüsk zurück. Das sei völlig falsch, was er ohne Weiteres belegen könne. Nur dazu war er partout nicht bereit. Peinlich für den „Lügenpapst“, als dann nicht nur der entsprechende Fachbereich der Uni, sondern auch der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen bestätigte, dass es generell kein Magister-Studium in Psychologie gab und der Magister-Abschluss daher auch nicht zur Bezeichnung Wirtschaftspsychologe berechtigt. Die Verwendung der Berufsbezeichnung kann sogar wettbewerbsrechtlich irreführend sein.

Dabei hat Nasher eine steile „wissenschaftliche Karriere“ gemacht. 2008 trat er noch bei der Pro7-Show „The next Uri Geller“ als Bewerber für den Nachfolger des Löffel-Verbiegers dank Gedankenkraft auf. Seine geheimnisvolle Aura hänge stark von seiner persischen Herkunft ab, heißt es über Nasher in einem Video zu der Sendung. Sein Großvater habe ihm sein Geheimwissen vermacht. In der Show ließ sich der damals 28-Jährige „Mentalist“ dann „formvollendet erhängen“, flog beim parapsychologischen Casting aber dennoch schnell raus.

Schon zwei Jahre später wurde Nasher, der laut eigenen Angaben ein Master-Studium in Oxford absolviert und am Sir Karl Popper Institut für Wissenschaftstheorie in Wien promoviert hat, Professor für Leadership & Organizational Behavior an der Munich Business School. Auch dort stand er als „Wirtschaftspsychologe“ auf der Homepage. Inzwischen ist der Titel verschwunden. Und eine Hochschule, deren Professor Führung lehrt und in seinem Buch umstrittene Verhörtechniken für Führungskräfte propagiert, sollte vielleicht einmal ihre ethischen Standards überdenken.

Aber zumindest liegt der 35-Jährige mit seinem Entlarvungs-Buch im Trend. Denn auch wenn die Methode noch so fragwürdig oder abstrus ist, Tricks, mit denen man andere angeblich schnell durchschauen kann, sind derzeit wieder schwer en vogue bei Personalmanagern. Wer glaubt, es habe sich inzwischen herumgesprochen, dass es eine fundierte psychologische Diagnostik gibt, der irrt.

„Profiling – Exklusiv für HR-Experten: Ein Blick genügt und ich weiß, wer Du bist“, wirbt der österreichische Seminarveranstalter Business Circle für sein zweitägiges Seminar. „Recruiting auf den Spuren von ‚Lie to me, CSI oder der Mentalist‘ sind das Highlight des Crime-TV-Programms und hat für Profiling eine neue Perspektive eröffnet“, heißt es grammatikalisch holprig. Dank Profiling gebe es „effektivere und effizientere Recruitings, exzellenteres Personalfinding und kooperativere Mitarbeitergespräche“. Geleitet wird das Seminar von Patricia Staniek, „Profilerin“ und „ausgebildete F.A.C.S. Codiererin“. Das steht für Facial Action Coding System, und Grundlage dafür sind offenbar sogenannte Micro Expressions, also minimale Veränderungen des Gesichtsausdruckes, die nur Bruchteile einer Sekunde anhalten und daher kaum bemerkbar sind.

Doch die sind – im Gegensatz zur Mimik, die biologisch festgelegte Emotionen wie Freude oder Erstaunen ausdrückt – keineswegs eindeutig interpretierbar. „Micro Expressions sind schlicht ein Ausdruck aktueller emotionaler Reaktionen, von denen sich nicht auf Charakterzüge schließen lässt“, erklärt Psychologie-Professor Uwe Kanning. „Man würde ja auch nicht annehmen, dass ein Mensch, der gerade mit Genuss ein Stück Sahnetorte isst, generell ein Vielfraß ist.“ Hier habe man es mit einer „völligen Überdehnung der grundlagenwissenschaftlichen Befunde zum Zwecke der Vermarktung“ zu tun.

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Gut vermarkten kann sich offenbar auch Peter Breidenbach, Gründer der Breidenbach Akademie und Rechtsanwalt mit Ausbildung zum Erfolgspsychologen, Lebensberater und Mentaltrainer, zudem freier Mitarbeiter für den Bereich „Menschenkenntnis und Psychologie“ bei der Bild-Zeitung. Der durfte sogar letzte Woche beim 17. Augsburger Personalentscheider-Netzwerktreffen über das Thema „Face Reading für Personalentscheider“ sprechen. „Da Personalauswahl und Personalbeurteilung wesentliche Bereiche der Personalführung sind, ist Face Reading die ideale Methode für eine optimale Mitarbeiterfindung und effektiven Personaleinsatz“, schreibt er. Eine Grundlage ist dabei die Phrenologie, also die Schädellehre, bei der aus der Schädelform auf bestimmte Fähigkeiten geschlossen wird.

Besonders gern – so scheint es – lassen sich Frauen von derartigem Humbug beeindrucken. So durfte sich Ilona Weirich, die sich als „Psycho- und Patho-Physiognomin und Menschenspezialistin“ bezeichnet, ihre Kenntnisse nicht nur beim Frauen-Netzwerk der Fachzeitschrift Werben & Verkaufen präsentieren, auf ihrer Referenzliste finden sich auch der Women Business Kongress, das Referat für Frauen und Gleichstellung im Rathaus der Stadt Hannover und die Koordinierungsstelle Frauen und Wirtschaft in Bremerhaven. Aber auch Unternehmen wie die SWB - Stadtwerke Bremen, die Hochschule Emden und Creditreform Hannover haben offenbar schon darauf gesetzt, dass die Form von Nase oder Ohren Aufschluss über die Persönlichkeit einer Person geben soll. Und auf der Homepage von Frau Weirich schwärmt Unternehmensberater Bernhard Klöver aus München: „Wir haben eine Firma physiognomisch zusammengestellt – das Betriebsklima ist klasse.“

Bärbel Schwertfeger

Bärbel Schwertfeger,
Chefredakteurin von Wirtschaftspsychologie aktuell,
spürt Absurditäten, Absonderlichkeiten und Fehltritte in der HR-Welt auf


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