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Ärger des Monats

8. Dezember 2014

Neuro-Quatsch

Limbi kommt. Limbi begegnet uns in der Stadt, auf Bahnhöfen und in U-Bahn-Stationen, er bewegt sich auf Infoscreens und Citylights und keiner kommt mehr aus einer Buchhandlung, ohne seinen Namen gelesen zu haben. So schreibt es der Campus-Verlag in seinem Buchprogramm. Das hat Limbi schon okkupiert. Denn Campus-Autor Tiki Küstenmacher „lässt den Limbi raus“ und kombiniert seinen Simplify-Ansatz „mit den Erkenntnissen der Hirnforschung“.

Alle Hefte im ÜberblickLimbi steht dabei für das „emotionale Gehirn“ – sprich das limbische System im Hirn. In seinem Buch nehme der Autor den Leser mit „durch die neuropsychologischen Untiefen des Lebens und leitet uns ganz konkret zu einem limbifreundlichen Leben im Fluss mit uns selbst an“, frohlockt der Verlag. „Ist Limbi glücklich, freut sich der Mensch.“ Und damit auch jeder Limbi ins Herz schließt, sieht er aus wie ein Kobold mit rundem Kopf und großen Kulleraugen. Bei so vielen infantilen Werbesprüchen droht zumindest mein Limbi mit einem Amoklauf.

Limbi ist aber auch gut für Unternehmen, behauptet zumindest Autor Tiki Küstenmacher. Er hilft beim Kundengespräch, bei der Preisverhandlung und Produktgestaltung, der Arbeitsplatzorganisation, der Zeitplanung, der Burnout-Prophylaxe, der Unternehmenskommunikation und beim Verhalten in Meetings. Und vermutlich wird das Buch ein Bestseller. Schließlich ist „neuro“ ebenso gefragt wie „simpel“. Je einfacher desto besser, auch wenn es ausgemachter Blödsinn ist.

Denn bis heute rätselt die Wissenschaft, wie das Hirn denn nun genau funktioniert und seriöse Forscher gestehen, dass man weit davon entfernt ist, aus der Aktivität einer bestimmten Hirnregion ein Gefühl oder gar ein Verhalten erklären zu können. Dummerweise funktioniert das Gehirn eben nicht wie ein Computer, sondern wie ein großes und äußerst flexibles Netzwerk, das sich immer wieder neu organisiert. Von der wissenschaftlichen Aussagekraft her sind die Studien mit den schönen bunten Bildchen aus dem Hirnscanner meist sowieso zu vernachlässigen – schon allein aufgrund der oft winzigen Stichproben.

Noch problematischer wird es, wenn Hirnaktivitäten mit dem Verhalten in Organisationen in Verbindung gebracht werden. Dennoch boomt das Thema „Neuro-Leadership“. So bietet etwa Dr. Sebastian Spörer in seinem Führungstraining den Blick auf die „Wertschöpfung unter neuro-psycho-sozio-endokrin-immunologischen Aspekten“. Und beim Spezial-Seminar für Personaler heißt es: „Zu den Fähigkeiten der modernen Führungskraft zählen heute Durchsetzungsvermögen, Veränderungsfähigkeit, Flexibilität und Entscheidungssicherheit. Dabei sind Hormone und Neurotransmitter ein wesentlicher Faktor, die diese Fähigkeiten beeinflussen.“ Das gelte vor allem für Dopamin. „Wenn Vorgesetzte bei sich und ihren Mitarbeitern intrinsische Motivation auslösen und Entscheidungssicherheit fördern möchten, müssen sie das dopaminerge Belohnungssystem verstehen und für sich einsetzen“, weiß Dr. Spörer. Also nur den Dopamin-Spiegel erhöhen und schon klappt es mit der intrinsischen Motivation der Mitarbeiter?

Dr. Spörer ist Leiter des „Ersten Deutschen Zentrums für Leistungsmanagement“ in Hopferau im Allgäu. Allerdings sollte man sich nicht von seinem Doktor-Titel irritieren lassen. Promoviert hat der Diplom-Staats- und Sozialwissenschaftler zum Thema die „Politische und wirtschaftliche Gestaltung der deutschen Münzreform 1871–1875 der Hansestädte Bremen, Lübeck und Hamburg“. In einem Artikel im Personalmagazin erklärt der ehemalige Bundeswehr-Offizier, Führungskräfte sollten mutige Entscheidungen morgens und satt fällen und verweist auf eine Studie israelischer Forscher mit Richtern, die morgens nach einem guten Frühstück wohlwollendere Entscheidungen getroffen haben. Grund dafür sei der höhere Glukose-Spiegel im Gehirn.

Hier kommt das zweite Problem der Hirnforschung ins Spiel: Die absurde Vereinfachung der oft sowieso schon wenig aussagekräftigen Studienergebnisse. Ein schönes Beispiel dafür lieferte die britische Neurowissenschaftlerin Molly Crockett: In einem Experiment wollte sie herausfinden, wie sich der Serotonin-Spiegel auf Entscheidungen in sozialen Situationen auswirkt, speziell auf die Reaktionen von Menschen, die unfair behandelt werden. Dafür manipulierten die Forscher den Serotonin-Spiegel ihrer Versuchspersonen, indem sie ihnen einen Drink gaben, der die Konzentration der Aminosäure Tryptophan – der Grundlage für Serotonin – senkte. Das Ergebnis: War der Tryptophan-Spiegel niedrig, neigten die Versuchspersonen eher zur Rache.

Die Medien griffen das Ergebnis begierig auf und heraus kam die Schlagzeile: „Ein Käsesandwich ist alles, was Du brauchst, um gute Entscheidungen zu treffen.“ Natürlich hatte die Studie nichts mit Käse zu tun. Aber Tryptophan findet sich eben auch im Käse. Eigentlich verwunderlich, dass es noch kein Käsetraining für Manager gibt.

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„Wer die Erkenntnisse der Gehirnforschung als Führungskraft nicht nutzt, handelt wie ein Unternehmer in den 90er Jahren, der die Möglichkeiten des Internets verschlafen hat“, behauptet Marcus Sassenrath. Der Volkswirt, Coach und Leiter eines IT-Unternehmens hat ein Buch mit dem schönen Titel „Management by Brain: Nutzen Sie die Erkenntnisse der Gehirnforschung für erfolgreiche Führung“ geschrieben. Zudem bietet der Hobby-Hirnforscher auch allerlei Vorträge an. Zum Beispiel: „IT Management by Brain – Was wir von der Verschaltung im Gehirn lernen können. Erfolgsprinzipen der Informationsverarbeitung im Gehirn auf die IT übertragen.“

Offenbar weiß der IT-Experte da schon mehr als so mancher Neurowissenschaftler. Hirnforscherin Molly Crockett hat dafür den Begriff Neuro-Bunk – also Neuro-Quatsch – geprägt. Ihr Tipp: Je wunderbarer etwas klingt und je lieber Sie es glauben würden, umso weniger wahrscheinlich stimmt es.

Bärbel Schwertfeger

Bärbel Schwertfeger,
Chefredakteurin von Wirtschaftspsychologie aktuell,
spürt Absurditäten, Absonderlichkeiten und Fehltritte in der HR-Welt auf


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