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Ärger des Monats

17. November 2014

Burnout-Inszenierung

„Es reicht nicht mehr, gesundheitlich am Boden zu sein, man muss es auch allen zeigen“, schrieb das Hamburger Abendblatt vor kurzem und berichtete davon, dass die „allgegenwärtige Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel“ ihren Burnout nach ihrem 2010 veröffentlichtem Buch „Brief an mein Leben“ nun auch noch in einem Film zelebriert.

Alle Hefte im Überblick„Schmerzhaft hat sie als kleines Mädchen die liebevolle Zuwendung ihrer Mutter vermisst, die auch heute noch – todkrank – ihrer Tochter gegenüber keine Gefühle zulässt. Zwischen gewöhnungsbedürftigen Gruppentherapien, Schlafentzug und bröckelnder Distanz zu ihren Mitmenschen beginnt Toni“ – so heißt die Hauptfigur im Film – „sich wieder selbst zu spüren“, verlautete das ZDF in einer Ankündigung. Die Schauspielerin Marie Bäumer werde in dem „melodramatischen Burnout-Bekenntnis einer Powerfrau, die ohne Handy und Laptop und Mitteilungsbedürfnis nicht kann“, die Rolle der „Toni“ übernehmen.

Psychische Probleme bei Prominenten und Managern sind längst kein Einzelfall mehr. Pop-Sängerin Mariah Carey, Profi-Fußballer Sebastian Deissler und Lady Gaga – sie alle litten unter Burnout oder Depressionen. Auch Manager zerbrechen immer häufiger unter dem Druck, der auf ihnen lastet, manchmal mit tragischen Folgen bis hin zum Selbstmord wie bei einigen prominenten Bankern.

„Viele Manager und Unternehmer konzentrieren ihr ganzes Leben auf die berufliche Leistung. Wenn sich der eigene Selbstwert aber ausschließlich nach Erfolgs- und Leistungskriterien bemisst, können Rückschläge schnell zu einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit führen“, erklärte der Psychiater Professor Dr. Manfred Wolfersdorf in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Natürlich ist es grundsätzlich zu begrüßen, dass psychische Probleme heute nicht mehr so stark tabuisiert werden und selbst Topmanager damit offener umgehen. Dabei scheint so manchem jedoch das richtige Maß abhanden gekommen zu sein. Und manchmal kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es vor allem darum geht, seine psychischen Probleme möglichst öffentlichkeitswirksam zu inszenieren.

Schon bei Miriam Meckels Buch gingen die Meinungen auseinander. Sollte man es gut finden, wenn eine prominente Medienfrau detailliert über ihren psychischen Absturz schreibt und damit möglichweise mehr Verständnis für Burnout erweckt? Oder ist der öffentliche Seelenstriptease nicht eher ein Mittel, um in der Aufmerksamkeitsökonomie zu punkten. Getreu dem Motto: Wenn man schon keine Medienauftritte mehr hat, dann wenigstens ein Buch über den eigenen Absturz. Meckel selbst beschrieb ihr Buch als Therapie. Dabei dürfte ihr allerdings auch klar gewesen sein, dass sie damit erneut in die Medienmühle gerät.

Oder Christopher Jahns. Einst gefeierter Präsident der privaten EBS Business School. Heute wegen gewerbsmäßiger Untreue angeklagt und ein psychisches Wrack mit schweren Depressionen. Das ist persönlich tragisch. Doch muss man das auch noch öffentlich ausbreiten? Ausführlich erzählte der 44-Jährige der Süddeutschen Zeitung von seinen Ängsten und Panikattacken. „Er wird geplagt von Ängsten, ist unkonzentriert, kann nicht schlafen, spürt Herzrasen und hat keinerlei Selbstvertrauen mehr“, heißt es in dem Artikel.

Psychiater und Neurologen kümmerten sich um ihn. Und seinen Pressesprecher ließ er sogar verbreiten, dass er sich in einem „psychopathischen Zustand“ befinde. Grund dafür sei der Strafprozess gegen ihn. Denn Jahns hält sich für unschuldig. Nun ist er erst einmal verhandlungsunfähig und das Strafverfahren, das eigentlich fast zu Ende war, wurde vorläufig eingestellt bis er wieder verhandlungsfähig ist. Bisher hat ihm der psychische Absturz also nur einen Aufschub vor dem Urteil verschafft – wie auch immer das ausfällt. Doch ob das ausführliche Psycho-Outing seine Chancen erhöht, künftig wieder beruflich Fuß zu fassen?

Auch wenn das persönliche Leid sicher oftmals groß ist, manchmal hat man den Eindruck, als seien psychische Probleme zu einer neuen Trophäe geworden: Schaut her, ich gehöre auch dazu. Bitte bemitleidet mich doch. Ist den Betroffenen eigentlich klar, wie ihre Selbstdarstellung wirkt? Oder ist ihre narzisstische Verletztheit so groß, dass sie nun mit ihren Psycho-Leiden die Aufmerksamkeit erreichen wollen, die sie früher durch ihren Job bekamen?

Psychische Probleme sind beinahe schon „schick“ geworden. Und glaubt man manchem Anbieter von Burnout-Hilfen, ist die Erschöpfungsdepression bereits eine Epidemie mit gigantischen Ausmaßen. „Bis zu 13 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland sind nach Schätzungen von Gesundheitsexperten und Krankenkassen von Burnout betroffen“, behauptet die Bonner Wirtschafts-Akademie – und das, obwohl die meisten nicht einmal genau wissen, wie man das Krankheitsbild überhaupt definiert.

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Burnout lasse sich als Ausdruck von erlebter beruflicher Überlastung für geleistete Arbeit definieren, so der Chefarzt der Psychosomatischen Schön Klinik Roseneck, Professor Dr. Andreas Hillert. Um diese zu verhindern, sei daher eine Reduzierung der Stressbelastung notwendig. Dazu gehörten aber nicht nur die Erholung und Entlastung, sondern auch die Ernüchterung, sprich die Reduzierung eigener Leistungsansprüche.

„Das betrifft den Menschen als Ganzes, einschließlich genetischer Veranlagung und Biographie“, erklärt der Burnout-Experte. Betroffene säßen also sprichwörtlich in der eigenen Falle. Schließlich habe jeder gute Gründe, sich zu überlasten – sonst würde er es nicht tun.

Frau Meckel ist seit Anfang Oktober Chefredakteurin der Wirtschaftswoche, obwohl sie bisher noch nie eine Printredaktion geleitet hat. Der Job gilt als enorme Herausforderung. Die Printmedien befinden sich in einer bedrohlichen Krise, die Auflage der Wirtschaftswoche ist gesunken. Nun soll Frau Meckel Wunder vollbringen.

So mancher fragt sich, warum sie sich den Stressjob antut. Zumal sie offenbar nicht unbedingt über eine hohe psychische Stabilität verfügt, glaubt man einem Artikel in der Welt. Personen, die sie kennen, beschreiben Meckel als sehr verletzlich, misstrauisch und überall Angreifer witternd, schrieb das Blatt im Mai. Der Vorwurf, „banal“ oder „naiv“ zu sein, treffe sie ins Mark. Ob die Psycho-Schmonzette im ZDF da eine weise Entscheidung ist?

Bärbel Schwertfeger

Bärbel Schwertfeger,
Chefredakteurin von Wirtschaftspsychologie aktuell,
spürt Absurditäten, Absonderlichkeiten und Fehltritte in der HR-Welt auf


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