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Ärger des Monats

23. Juli 2014

Nicht ohne meinen Guru

Lange Zeit galt Meditation als etwas für weltentfremdete Mönche oder abgedrehte Esoterik-Anhänger. Doch inzwischen hat sich auch die Forschung intensiv mit den neurowissenschaftlichen Grundlagen und Wirkungen auseinandersetzt und zum Beispiel herausgefunden, dass es Meditierenden oft leichter fällt, ihre Emotionen zu regulieren.

Alle Hefte im ÜberblickUnd weil das mentale Abschalten auch im Arbeitsleben von Vorteil ist, hat Meditation – losgelöst von jeglichem religiösen und esoterischen Kontext – auch Einzug in Unternehmen gehalten. Corporate Meditation soll – vor allem in den USA – bereits bei Google, AstraZeneca und McKinsey praktiziert werden. Schließlich gibt es einfache Techniken, die jeder schnell erlernen kann, wie etwa die Konzentration auf den eigenen Atem. Allerdings macht auch hier erst Übung den Meister.

„Meditation kann gänzlich ohne religiöses Beiwerk praktiziert werden“, erklärt der Psychologe und Mediationsforscher Ulrich Ott. Es gehe vielmehr um die Selbstregulation des vegetativen Nervensystems, der Aufmerksamkeit und der Emotionen. Im Lauf der Praxis könnten natürlich auch spirituelle Erfahrungen auftreten, entsprechende Ambitionen seien jedoch eher hinderlich.

Umso ärgerlicher ist ein Artikel in der Juni-Ausgabe des Manager Magazins, wo man nun auch das Thema Meditation entdeckt hat. Das Stück liest sich stellenweise wie eine Werbebroschüre für den Maharishi-Kult. „Was früher Sport und Fitness waren, sind heute Yoga und Transzendentale Meditation“, schreibt Gisela Maria Freisinger, gerade so, als gebe nur diese Form der Meditation.

Dabei waren es vor allem die Anhänger der Transzendentalen Meditation (TM) des inzwischen verstorbenen Gurus Maharishi Mahesh Yogi, die die Welt immer wieder mit abstrusen Versprechen überraschten. So sollte die simple Mantra-Meditation wahre Wunder vollbringen. Wer meditiert, sollte nicht nur gesünder und leistungsfähiger werden, sondern auch über unbegrenzte Energie und Intelligenz verfügen. Fortgeschrittene, die das so genannte Sidhi-Programm absolviert haben, sollten sich sogar unsichtbar machen, verborgene Dinge sehen und durch die Luft fliegen können. Vielleicht erinnert sich mancher noch an die „yogischen Flieger“, die mit ihrer Naturgesetzpartei 1994 sogar zur Bundestagswahl antraten, um die „störenden Dynamiken im kollektiven Bewusstsein eines Staates“ zu neutralisieren. Kein Wunder, dass Kritiker und Sektenberatungen immer wieder davor warnten, TM könne in Einzelfällen zum Abbau des Realitätsbezuges führen.

Schon damals gehörte der Arzt Ulrich Bauhofer zu den besonders eifrigen Anhängern des Maharishi-Kults. 2003 war er sogar Mitglied der sogenannten „Deutschen Friedensregierung“, die sich die „Staatslenkung durch Höheres Bewusstsein“ zum Ziel gesetzt hatte. Heute ist Bauhofer ein gefragter Stressberater in zahlreichen Unternehmen und eine „prominente Anlaufstelle für ausgelaugte Topmanager“, wie das Manager Magazin weiß. Und er rät – wen wundert es – Managern dabei zur Transzendentalen Meditation.

Doch um die zu praktizieren, muss man nicht nur zahlen (immerhin 1190 Euro für einen Einführungskurs), sondern auch noch allerlei Brimborium über sich ergehen lassen. Auch Manager-Magazin-Autorin Freisinger ließ sich von Bauhofer in seiner Münchner Praxis vor einem Maharishi-Altar mit „Dankbarkeitszeremonie“ und Sanskrit-Gesang in die Guru-Meditation einführen. Selbst der Schweigepflicht über das Prozedere und das Verbot, das ihr zugeteilte und angeblich individuelle Mantra zu verraten, stimmte sie artig zu. Dabei ist seit langem bekannt, dass das Mantra keineswegs individuell ist, sondern von dem TM-Einweiser aus einer Liste je nach dem Alter seines Meditationsschülers ausgewählt wird.

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Aber ohne die Geheimniskrämerei lässt sich die Guru-Meditation eben schlechter verkaufen. Bei Frau Freisinger hat der Zirkus offenbar gewirkt. So behauptet sie allen Ernstes nicht nur, dass Manager einen Meditationsmanager bräuchten, sondern schreibt auch: „Ohne Guru geht es nicht.“ Ärgerlich ist zudem, dass sie in ihrem Artikel völlig undifferenziert alles durcheinander wirft: Guru-Meditation, Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion, Zen, Yoga und Ayurveda.

Dass ein renommiertes Wirtschaftsmagazin derart offensichtlich Werbung für den Maharishi-Kult macht und ihn damit auch adelt, ist nicht nur ärgerlich, sondern lässt auch an der Seriosität des Blattes zweifeln – egal ob das wissentlich oder unwissentlich aufgrund mangelhafter Recherche geschehen ist. Allerdings hat der Artikel durchaus auch einen gewissen Unterhaltungswert. So hat sich das Magazin zu den Fotos des meditierenden BMW-Chefs Norbert Reithofer und von RWE-Boss Peter Terium die hübsche Bildunterschrift: „Kraft und Erleuchtung“ einfallen lassen.

Bärbel Schwertfeger

Bärbel Schwertfeger,
Chefredakteurin von Wirtschaftspsychologie aktuell,
spürt Absurditäten, Absonderlichkeiten und Fehltritte in der HR-Welt auf


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