Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Neues eDossier: Stress bewältigen
Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management Neues eDossier: Stress bewältigen Wirtschaftspsychologie aktuell

Ärger des Monats

17. Juni 2014

Fußballfieber

Gegröle im Stadion, Bier in Strömen, gewalttätige Hooligans – Fußball ist nun mal der beliebteste Volkssport in Deutschland und das nicht immer mit positiven Auswirkungen. Seit Wochen hält die Weltmeisterschaft in Brasilien die Öffentlichkeit mit allerlei Meldungen auf Trab. McDonald‘s bietet einen speziellen Burger „Brazil Samba Double im Copacabana Style“ an, ein Pappbrötchen mit Limonen- und Tomaten-Zwiebelsauce. Selbst das Magazin Bild der Wissenschaft verspricht Werbern für neue Abonnenten ein Deutschland-Trikot.

Reichlich abwegig wird es dann bei der Pressemeldung der Controller Akademie, die mit dem WM-Bezug ihre Accounting-Seminare promoten möchte. „Die sportlichen Leistungen der Akteure bei der WM werden bei den bevorstehenden Bilanzstichtagen vieler Fußballclubs zum 30.06.2014 auch sehr kurzfristig wiederum direkte und erhebliche Auswirkungen auf die Jahres- und Konzernabschlüsse derselben haben“, heißt es da. „Die Trainer des CA Institute for Accounting & Finance werden Sie in unterhaltsamer Art und Weise im Erkennen von Zusammenhängen zwischen den einzelnen Berichtsbestandteilen des Jahres- bzw. Konzernabschlusses sowie der sachgerechten Interpretation des Lageberichts schulen.“ Vielleicht findet der Unterricht ja auch im Deutschland-Leibchen statt?

Natürlich nutzen auch die HR-Medien die Chance. „Einen Anspruch auf Fußball am Arbeitsplatz haben Arbeitnehmer grundsätzlich nicht“, heißt es bei Haufe.de. Deshalb dürfen Arbeitnehmer ohne Erlaubnis des Arbeitgebers in der Regel während der Arbeitszeit keine EM-Spiele im Fernsehen verfolgen. Denn wer Fernsehen schaut, wird durch den optischen Reiz so stark abgelenkt, dass er sich nicht mehr auf seine Tätigkeit konzentrieren kann. Wer hätte das gedacht?

Alle Hefte im ÜberblickDie Personalwirtschaft sieht bei der WM sogar erhebliche Potenziale, die Unternehmenskultur zu verbessern: „Wer mit den Beschäftigten gemeinsam feiert und zur WM ein attraktives Rahmenprogramm, etwa mit Tippspielen organisiert, leistet einen wichtigen Beitrag zum Miteinander.“ So kann man sich schließlich auch Kosten für Hochseilgärten oder Motivationsevents sparen. Hilfreich auch die Zusammenstellung dazu, was sich Unternehmen so alles einfallen lassen, um ihre Mitarbeiter bei Laune zu halten. Bei BMW soll bei Spielen der deutschen Mannschaft in einzelnen Werken sogar die Produktion unterbrochen werden. Allerdings erst nach dem Achtelfinale.

Nun ist es ja durchaus verständlich, dass viele die WM als Trittbrettfahrer nutzen, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen in der täglichen Info-Flut. Und eigentlich wollte ich da nicht auch noch mitmischen. Doch dann kam eine Presseinformation von Volker Nürnberg, Professor für Gesundheitsmanagement an der Hochschule für angewandtes Management in Erding und Lehrbeauftragter an der Technischen Universität München und der Fachhochschule Rosenheim, und die schlägt einfach alles.

„Anja Polzer, Dozentin am EC Europa Campus und Fitnessexpertin (bekannt aus dem TV) und Professor Dr. Volker Nürnberg, Gesundheitsexperte und Unternehmensberater, wollen mit einigen konkreten, wissenschaftlich validen Tipps dafür sorgen, dass die Deutschen gesund durch die WM kommen“, heißt es da. Schwerpunkte ihrer Tipps seien die Bereiche, die auch die Krankenkassen präventiv bedienen: Bewegung – Ernährung – Stress/Schlaf. Zahlen die Krankenkassen inzwischen auch für Schlaf-Kurse?

Doch der „Professor im Privatdienst“ – so steht es auf der Homepage der Firma MediNavi, bei der Herr Nürnberg im Aufsichtsrat sitzt – klärt auf: Eine erhebliche Anzahl an Menschen leide unter Schlafstörungen; durch die teils späte Uhrzeit der Spiele werde ihr Rhythmus gegebenenfalls durcheinander kommen. „Versuchen Sie auf genügend Schlaf zu kommen, indem Sie nach Spieltagen länger schlafen“, rät der Gesundheitsexperte. Das kann allerdings schnell ins Auge gehen. Denn nicht jeder Mitarbeiter kann einfach ein paar Stunden später am Arbeitsplatz erscheinen.

Geprüfte Fachinfos
im Schnupper-Abo
der Zeitschrift: mit Management-Themen, Praxistipps und 30% Preisvorteil.
Erfahren Sie hier mehr.

Und weiter geht es: „Alle Spiele sind abends/nachts, essen Sie deshalb vor den Spielen und versuchen Sie um Chips und ähnliches einen Bogen zu machen!“ Eine wahrhaft bahnbrechende Erkenntnis. Und dann noch der Tipp, beim Public Viewing unbedingt „eine Kopfbedeckung zu tragen und die Haut gegen Sonne schützen (mindestens Lichtschutzfaktor 20)“. Zwar laufen die meisten Spiele erst ab 22 Uhr, also dann, wenn die längst untergegangene Sonne bekanntermaßen besonders intensiv strahlt, aber macht ja nichts.

Rätselhaft bleibt allerdings, was den Erdinger Professor mit Anja Polzer verbindet. Denn die wurde 2012 vor allem durch die RTL-Kuppelshow „Der Bachelor“ bekannt und versucht seitdem eifrig, mit allerlei Selbstmarketing-Aktivitäten im Gespräch zu bleiben. Nach der eigenen Handtaschen-Kreation und Berichten in Bunte und Bild nun also mit „wissenschaftlich validen“ Tipps zur Fußball-WM – der Fachhochschule Erding sei Dank!

Bärbel Schwertfeger

Bärbel Schwertfeger,
Chefredakteurin von Wirtschaftspsychologie aktuell,
spürt Absurditäten, Absonderlichkeiten und Fehltritte in der HR-Welt auf


© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2014. Alle Rechte vorbehalten.

Weitere Infos zum Fachmagazin:

Im Archiv Ärger des Monats können Sie alle früheren Beiträge von Bärbel Schwertfeger nachlesen.

In der Ausgabe „Leadership und Persönlichkeit“ der Wirtschaftspsychologie aktuell werden wissenschaftlich fundierte Managementansätze behandelt, die für Führungskräfte und Personalmanager nützlich sind.

Ihre Anmeldung für den Wirtschaftspsychologie-Newsletter ist hier möglich. Er erscheint monatlich und fasst alle Neuigkeiten zur Psychologie in Wirtschaft und Beruf zusammen.